Dem Leid ein Gesicht geben – Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Eigentlich, so sagte Olga Grjasnowa vor kurzem auf einer Lesung, eigentlich habe sie ein Buch über Gastronomie schreiben wollen. Ihre Ausführungen über ihr schon spleeniges Interesse an Kochbüchern, die sie von vorn bis hinten studiert, an Kochtöpfen und deren Funktion und an allem, was mit guten Restaurants zu tun hat, sorgten für Erheiterung an einem Abend der sonst sehr ernsten Themen. Zuvor hatte die Autorin aus ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ gelesen. Dass ihr drittes Buch eines über syrische Kriegsschicksale wurde, habe sich eher ergeben, so Grjasnowa, auch weil in ihrem privaten Umfeld der syrische Bürgerkrieg und seine Folgen immer wieder Themen waren – Grjasnowas Ehemann ist Syrer.

Nach nunmehr 6 Jahren sind wir gegenüber Nachrichten aus Syrien ein wenig abgestumpft. Nachrichten wie die über den Giftgasangriff und seine Folgen vor einigen Tagen rütteln auf, rufen uns das Leid der Menschen in Syrien in Erinnerung, letztendlich aber haben wir uns an die Nachrichten aus dem Nahen Osten gewöhnt, ja, vielleicht wollen wir auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Über der Flüchtlingsdebatte, die nach wie vor geführt wird, vergessen wir gern, dass hinter jedem der Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um herzukommen, ein Einzelschicksal steht, eine ganz persönliche Geschichte. Olga Grjasnowa gibt in „Gott ist nicht schüchtern“ dem Leiden ein Gesicht, indem sie zwei Figuren erschafft, deren ganz persönlichen Weg aus einem „normalen“, aus einem guten Leben in eines des Chaos und der Angst sie Schritt für Schritt schildert.

Dabei ist es kein Zufall, dass ihre Protagonisten, der in Paris lebende Schönheitschirurg Hammoudi und die Schauspielerin Amal, die gerade erst eine Soap abgedreht hat, der Mittelschicht entstammen. Beide sind nicht besonders religiös. Es sind Menschen, die in eine finanziell weitgehend abgesicherte Zukunft sahen, ob nun in Europa oder in Syrien, Menschen mit Plänen – Menschen, die sich eine lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer im Endeffekt überhaupt leisten können.

Hammoudi hat in Paris einen guten Job und eine Verlobte, er reist nur nach Syrien, um seinen Pass verlängern zu lassen, damit er in Frankreich eine neue Aufenthaltserlaubnis bekommt. Im Vorfeld hatte man ihm zugesichert, dass dies kein Problem sein werde, vor Ort behält man seinen Pass dann aber ein und Hammoudi kann Syrien nicht mehr verlassen. Kurz darauf ändern sich die Verhältnisse in Syrien schlagartig. Amal demonstriert, als der Arabische Frühling Syrien erreicht und träumt von einem Aufbruch in eine neue Zeit, von einem neuen, anderen Syrien. Als Widerstandskämpferin wird es aber immer gefährlicher für sie und irgendwann muss sie sich die Frage stellen, ob sie vor Ort noch sicher ist.

In wechselnden Kapiteln erzählt Grjasnowa davon, wie diese beiden jungen, durchaus privilegierten Leute, die sich von uns gar nicht so sehr unterscheiden, nach und nach ihre Gewissheiten und ihre Träume überdenken und der neuen Situation anpassen müssen. Grjasnowas Sprache ist dabei einfach und oftmals reduziert. Die geschilderten Situationen, in denen deutlich wird, wie wenig ein Menschenleben in diesen Zeiten des Krieges wert ist, sind durch den nüchternen und sehr schlichten Stil der Autorin, durch das unumwundene Aussprechen der Gräueltaten ohne irgendetwas zu verklären, teils schwer zu ertragen. An einigen Stellen wird es sprachlich jedoch holprig, sitzen die Ausdrücke nicht, entstehen schräge Bilder (wie zum Beispiel setzt man sich sachlich auf?) oder es gibt unvermittelt Wortwiederholungen, über die man stolpert.

Grjasnowa berichtete in der eingangs erwähnten Lesung, dass alle Episoden, alle Geschehnisse in ihrem Roman ihr genauso zugetragen wurden, dass sie großen Wert darauf gelegt habe, ein authentisches Bild zu schaffen. Immer vorausgesetzt, dass ihre Quellen aufrichtig waren, lesen sich einige Passagen mit diesem Wissen im Hinterkopf umso schwieriger und erschütternder.

Der Titel „Gott ist nicht schüchtern“ bezieht sich auf die zweite Sure des Korans und weist darauf hin, dass Gott die Menschen strafen wird, wenn sie sich ihm widersetzen. Ein Zitat, das im Roman nicht direkt vorkommt, das die Autorin für ihre Geschichte aber passend fand.

„Gott ist nicht schüchtern“ ist ein bestürzender Roman über den Bürgerkrieg in Syrien, über die Flucht in ein vermeintlich besseres Leben und nicht zuletzt über die banale Erkenntnis, dass es jeden treffen kann. Ganz anders als ihr lesenswerter Erstling „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, auch wenn Grjasnowa Themen wie Migration und dem Aufeinandertreffen der Kulturen treu bleibt. Und wer weiß, vielleicht wird sie ja doch noch ihren Gastronomie-Roman schreiben, auch wenn sie sagt, dass es im Moment nicht danach aussieht.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag, 2017, 309 Seiten, 22 Euro

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7 Antworten zu Dem Leid ein Gesicht geben – Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

  1. Scherbensammlerin schreibt:

    In dem Erstlingsroman sind ja auch Birken nicht direkt vorgekommen. Passt also in die Reihe. Es sind schöne Titelgebungen von ihr, sehr eigen.

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  2. Masuko13 schreibt:

    Das finde ich ja spannend, dass allen Situationen im Roman auf wahren Ereignissen beruhen. Und dass Grjasnowas Mann Syrer ist. Das sind viele Fakten, die dem Buch ein neues Licht geben. Für mich las sich „Gott ist nicht schüchtern“ teilweise wie ein Zeitungsreport. Dank deiner schönen Besprechung sehe ich die Geschichte nun ganz anders. Positiver.

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    • letteratura schreibt:

      Die Sichtweise kann ich gut nachvollziehen. Ich glaube auch, dass ich ihren Erstling zugänglicher fand (den zweiten Roman kenne ich noch nicht) und bestimmt war ich durch die Lesung, die ich vor der Lektüre besucht habe, ein wenig voreingenommen.

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      • Masuko13 schreibt:

        Ihre Romane sind ja immer recht eigenwillig. „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ las sich wieder ganz anders –
        sehr wild und rasant. Und ob nun voreingenommen oder nicht, Begegnungen mit Autoren/Autorinnen geben einem ja oft nochmal einen ganz besonderen Blick auf das Buch. In diesem Fall fand ich das sehr schön, dass du diesen hier geteilt hast. Schöne Grüße!

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      • letteratura schreibt:

        Danke und viele Grüße zurück!

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