Am Ende eines Lebens – Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

Harriet ist 78 und seit einiger Zeit Witwe. Sie und Bernard heirateten jung und bekamen zwei Kinder. Harriet war meist zufrieden in ihrer Ehe. Jetzt hat sie sich ganz und gar noch nicht an das Leben ohne ihren Mann gewöhnt. Als er ihr als Geist erscheint, fürchten ihre Kinder Skip und Caroline sowie Vater Mullinix, bei dem sie spirituellen Beistand sucht, um Harriets Geisteszustand. Da bekommt sie einen Anruf: Bernard habe einige Zeit vor seinem Tod eine Kreuzfahrt ersteigert, die sie nun bald an seiner statt antreten müsse, da der Gutschein sonst verfalle. Nach anfänglichem Zögern beschließt Harriet, mit ihrer Freundin Mildred den Urlaub zu machen, nicht ahnend, dass die Reise anders verlaufen wird als geplant und dass sie schließlich mit verändertem Blick auf ihr Leben zurückschauen wird.

Jonathan Evison wirft in seinem neuen Roman „Eine fast perfekte Ehefrau“ stets neue Schlaglichter auf das Leben seiner Hauptfigur, und er macht das auf stets erfrischende, leichte Art und Weise, sodass man zunächst nicht gleich bemerkt, wie tiefsinnig sein Roman gleichzeitig ist. Wir lesen einerseits chronologisch von den Ereignissen im Jahr 2015, das Jahr der Gegenwart der Geschichte, in der Harriet das Schiff besteigt – ohne Mildred, die einen Rückzieher macht, dafür bald aber in anderer Gesellschaft. Und auf der anderen Seite springen wir in Harriets Leben hin und her, erfahren von verschiedenen Episoden, wobei stets ihr jeweiliges Lebensalter exakt genannt wird. Diese Kapitel unterscheiden sich auch sonst von den übrigen, da Harriet hier von einer Stimme direkt angesprochen wird, die sich nicht eindeutig verorten lässt. Sie ist wie die Stimme der ungeschminkten Wahrheit, sie spricht aus, was Harriet sich nicht eingestehen möchte, sie redet nicht um den heißen Brei herum, sondern bringt die Tatsachen oder zumindest wahrscheinliche Möglichkeiten unumwunden ans Licht. Voller Ironie und ein wenig schnoddrig kommentiert sie Harriets Leben zum jeweiligen Zeitpunkt. In der deutschen Ausgabe immer mit der Höflichkeitsanrede des „Sie“ spart sie nicht mit Ausrufen, scheint die selbstbewusstere, lebenskluge Version der sonst eher unsicheren Harriet zu sein, vielleicht eine innere Stimme Harriets. Als sie 20 ist und eine Ausbildung zur Anwaltsgehilfin macht, sieht das zum Beispiel so aus:

„Machen Sie was aus sich, Harriet Nathan! Doch die Wahrheit, die Sie allen und besonders Ihrem Vater verschweigen, sieht anders aus: Im turbulenten Büroalltag, im Rummel der Stadt, im ständigen Einerlei der juristischen Recherche sehnen Sie sich nach etwas weniger Ermüdendem, nach Stabilität, Verlässlichkeit, ja, nach einem weihnachtlichen Kamin mit festlich drapierten Strümpfen. Außerdem wünschen Sie sich einen Mann, Harriet. Kommen Sie, geben Sie’s einfach zu!“ S. 13

Als Harriet dann mit 78 auf das Kreuzfahrtschiff steigt, stellt sich die Frage, was noch zu klären ist in ihrem Leben, dessen Ende sie sich nähert – „Machen Sie sich nichts vor, Harriet!“ würde die besagte Stimme wohl ausrufen. Es geht dabei um Bernard und um sie gleichermaßen.

Da der Reiz der Geschichte vor allem in dem besteht, was man als Leser mit der Zeit erfährt (wobei einiges schon früh angedeutet wird und daher nicht unbedingt überrascht), möchte ich zum Inhalt nicht mehr verraten. Evisons Roman ist ein gelungenes Spiel mit den Perspektiven, ein zwar leichtes, aber keineswegs seichtes Buch um Verrat und Schuld, um Lügen und Vergebung. „Eine fast perfekte Ehefrau“ zeigt uns auch, dass ein Leben nicht nur linear verstanden werden kann, dass es ein Zusammenspiel aus Geschehnissen, Gedanken und Entscheidungen ist. Vieles wird erst in der Rückschau deutlich, mit Abstand. Auch mit knapp 80 kann man noch versuchen, reinen Tisch zu machen, wenn wir Jonathan Evison und seiner Heldin Harriet Chance Glauben schenken mögen. „Eine fast perfekte Ehefrau“ mag vielleicht zum Teil etwas vorhersehbar sein, andererseits ist der Roman aber auch voller Ideen und sehr akribisch konzipiert, was mir vor allem bei der erneuten Durchsicht nach der Lektüre auffiel. Jonathan Evison hat einen höchst unterhaltsamen Roman geschrieben, den ich gern weiter empfehle.

Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2017, 288 Seiten, 19,99 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Am Ende eines Lebens – Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

  1. Karen Nölle schreibt:

    Und wer hat das Buch ins Deutsche gebracht?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s