Einsamkeit und Melancholie – Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen

Heute ist Indiebookday. Die eigentliche Idee ist, in eine Buchhandlung zu gehen, ein Buch aus einem Indie-Verlag zu kaufen und in den sozialen Netzwerken darüber zu berichten bzw. ein Bild davon zu zeigen. Ich habe diesen Schritt schon hinter mir (allerdings ohne Foto), daher gibt es heute stattdessen eine Besprechung zu einem Roman aus dem unabhängigen Liebeskind Verlag.

Yoko Ogawa ist hierzulande schon recht erfolgreich mit einigen Romanen wie „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ oder „Schwimmen mit Elefanten“. Ich habe den ersten der beiden Romane gelesen und in guter Erinnerung, wenn die Lektüre auch nicht so eindrücklich war wie jetzt diejenige von „Zärtliche Klagen“.

Wobei der Titel eher abschreckend ist und mich zunächst von der Lektüre des Romans absehen ließ. „Zärtliche Klagen“ jedoch ist der Titel eines Klavierstücks von Jean-Philippe Rameau („Les tendres plaintes“), das im Roman eine zentrale Rolle spielt.

Hauptfigur des Romans ist Ruriko, eine Frau um die 40, die vor ihrer unglücklichen Ehe aus Tokio in ein Landhaus flieht. Sie ist Kalligraphin und arbeitet gerade an der Transkribierung der Memoiren einer betagten englischen Lady. Auf dem Land lernt sie bald den Cembalobauer Nitta und seine Assistentin Kaoru kennen. Beide begegnen ihr freundlich und sie verbringen viel Zeit miteinander. Nitta war einst begabter Cembalist, der nicht mehr vor Publikum spielen kann, und Kaoru ist vor einer Tragödie aufs Land geflohen. Ruriko fühlt sich bald zu Nitta hingezogen, spürt aber auch, dass zwischen Nitta und Kaoru ein besonders Band besteht, sie eine undurchschaubare symbiotische Beziehung zu haben scheinen.

Was sich so vielleicht anhört wie eine banale Dreiecksgeschichte, wird zu etwas Besonderem durch den feinen Stil der Autorin. Ogawa scheint den Leser dazu anhalten zu wollen, nicht durch die Geschichte zu hetzen, sondern sich Zeit zu nehmen und sich auf ihren Rhythmus einzulassen. Ihre Sprache ist einfach und auf den Punkt, wobei gelegentliche Redundanzen auffallen, wenn sie den gleichen Sachverhalt noch einmal in anderen Worten wiederholt. Was mich zunächst irritierte, empfand ich später als stimmig und verstärkend.

Vor allem ist „Zärtliche Klagen“ die Geschichte einer Frau, die schon lange einsam war, die sich nicht aus ihrer Ehe befreien konnte oder wollte, die schon lange nicht mehr glücklich war. Ihre Einsamkeit setzt sich auch dann fort, als sie Nitta und Kaoru kennenlernt, und doch macht Ruriko einen Reifeprozess durch, an dessen Ende sie gestärkt sein wird. Und auch Nitta und Kaoru sind vom Leben geschlagene, gebeutelte Figuren, die sich nicht von ungefähr aufs Land zurückgezogen haben, wo sie Cembalos bauen – und wo auf den Instrumenten auch gespielt wird, unter anderem die titelgebenden „Zärtlichen Klagen“. Es spielt eine nicht unwesentliche Rolle, wer da für wen Musik macht.

„Zärtliche Klagen“ erschien in Japan bereits 1996. Es ist ein bisschen so, als hätten Mobiltelefone und Tablet-PCs sowieso nicht in diese leise Geschichte gepasst, in der sich die Figuren so sehr auf sich selbst und einander konzentrieren. Ogawas Roman wird getragen von einer melancholischen Grundstimmung, die ich trotz der fast greifbaren Einsamkeit Rurikos als sehr stimmig und angenehm empfunden habe.

Ogawas Figuren benehmen sich von Zeit zu Zeit seltsam, schweigen, wo sie reden sollten, handeln unerwartet. Und ja, manchmal bewegt sich die Autorin dann doch nah am Kitsch. Dennoch ist „Zärtliche Klagen“ ein feines, melancholisches und kraftvolles Buch über Einsamkeit, Liebe und Musik und über die Frage, wie wir unser Leben leben wollen.

Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen, Liebeskind Verlag, 2017, 272 Seiten, 20 Euro

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7 Antworten zu Einsamkeit und Melancholie – Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen

  1. portfuzzle schreibt:

    Nach dem ich deine Gedanken zu diesen wohl wunderbaren Buch gelesen hatte. Dachte ich die ganze Zeit an ein bestimmtes Buch, dass mich sehr fasziniert hat. Ransmayr, Christoph – Cox oder Der Lauf der Zeit. Natürlich ist das kein Indie Tipp. ABER, seine Sprache ist einfach der Wahnsinn. Und diese passt nicht mehr in die heutige Zeit. Lange Sätze, die ich oft mehrmals lesen musste. In den Zeiten von SMS, Twitter und Co. ist das schon eine Herausforderung. Und es handelt in China. Na ja, die Richtung stimmt jedenfalls …
    Sei also nachsichtig. Ich musste es hier einfach erwähnen … Und dein Tipp werde ich mir mit Sicherheit auch genauer anschauen !

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  2. Masuko13 schreibt:

    Das klingt ganz so, als wäre das ein Buch für mich! Gerade, weil du die ruhige und melancholische Stimmung der Geschichte so betonst. Habe bereits einige Romane von Ogawa gelesen. „Zärtliche Klagen“ kommt jetzt auf meine Liste – dank deiner schönen Besprechung.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Nur der Moment zählt. Der ruhige. | Klappentexterin

  4. Pingback: Yoko Ogawa: Zärtliche Klagen. – We read Indie

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