Weinender Mörder – Maurizio de Giovanni: Das Krokodil

das-krokodil-de-giovanni„Das Krokodil“, so nennt die neapolitanische Presse einen Serienkiller, der offenbar weint, wenn er seine Opfer tötet: Am Tatort hinterlässt er tränendurchnässte Taschentücher. So ist die Polizei früh im Besitz der DNA des Täters, mit der sich ohne Überstimmungen in der Datenbank aber wenig anfangen lässt.

Commissario Lojacono wurde von Sizilien nach Neapel strafversetzt, seine Frau will nichts mehr mit ihm zu tun haben, seine Tochter hat er seit Monaten nicht gesehen. In seinem neuen Wirkungskreis hat man ihm schnell klargemacht, dass er eigentlich gar nichts tun soll, sich vor allem nicht in laufende Ermittlungen einmischen und so sitzt er seine Zeit im Büro ab oder plaudert mit seinem Kollegen Giuffrè, mit dem er ein zwar nicht enges, aber doch gutes Verhältnis pflegt.

Nun dürfte es klar sein, dass Lojacono seinen Schreibtisch und damit seinen langweiligen und eigentlich nicht existenten Arbeitsalltag verlassen und in die Ermittlung einsteigen wird. Es zeigt sich, dass er Dinge bemerkt, die andere übersehen und dass er abseits der Fährten, die sie verfolgen, das Motiv erahnt. Und die Morde, die „das Krokodil“ begeht, sind besonders grausam, denn er tötet Jugendliche, die – so ist man sich sicher – doch nichts so Schlimmes getan haben können, dass es die Taten rechtfertigen würde. Und der Mörder scheint, von seinen Tränen einmal abgesehen, eiskalt zu sein: Offenbar beobachtet er seine Opfer genau und setzt dann präzise und mit Geduld seine Pläne in die Tat um.

Maurizio de Giovannis „Das Krokodil“ ist ein Krimi, der stets das richtige Maß an Spannung aufkommen lässt, sodass man einerseits gar nicht anders kann, als immer weiter zu lesen. Anderseits werden viele der Cliffhanger recht schnell aufgelöst und es gibt neue, so dass man zwar immer noch im Dunkeln tappt, sich das Puzzle aber dennoch nach und nach zusammensetzt.

Und auch der Mörder selbst kommt zu Wort. Schon früh lernt der Leser ihn kennen, bekommt Andeutung um Andeutung, liest seine Briefe, ohne zu wissen, an wen sie gerichtet sind. Und obwohl seine Morde an Neapels Jugendlichen grausam sind, sind zumindest seine Gefühle, wenn auch nicht seine Taten, nachvollziehbar.

„Das Krokodil“ ist der Beginn einer Serie um Commissario Lojacono, der in Neapel ermittelt, und es ist ein vielversprechender Beginn. Ein paar Figuren werden wir sicherlich in den nachfolgenden Fällen wieder sehen, wie die junge und sehr attraktive Staatsanwältin Laura Piras sowie die Wirtin Letizia, in deren Trattoria Lojacono oft essen geht und die den Kommissar in ihr Herz geschlossen hat. Auch ist der Schauplatz Neapel ein interessantes Pflaster für eine Krimireihe. Als Leser weiß man, die Polizei hat es nicht leicht, die Mafia ist allgegenwärtig, viele Menschen sind arm, die Kriminalität ist allgemein hoch.

Gewalt und Grausamkeit nur um des Schockes willen sind nichts für mich und Serienkiller langweilen mich, wenn sie einfach nur morden, weil sie verrückt sind. In einem Krimi geht es für mich um das Motiv, um die Beziehungen zwischen dem Opfer und den Verdächtigen und die Frage, wer ein so großes Problem mit ihm hatte, um es umzubringen. Obwohl der Fall ein wenig anders liegt – schließlich ist auch das Krokodil ein Serienmörder – ist de Giovannis Krimi ganz nach meinem Geschmack. Die Dosierung der Spannung ist gelungen, das Ambiente und der Schauplatz überzeugen und vor allem die Protagonisten um den Kommissar sind zum größten Teil gut gezeichnete Charaktere. Ein Krimi will und soll keine hochtrabende Belletristik sein, sondern in eine spannende, unterhaltsame und einigermaßen glaubwürdige Geschichte entführen. Es dürfen sich Abgründe auftun. Dies trifft auf „Das Krokodil“ zu.

Maurizio de Giovanni: Das Krokodil, Kinder Verlag, 2014, 336 Seiten, 19,95 Euro, als Taschenbuch: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2015, 352 Seiten, 9,99 Euro

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