Vom Weg aus einer Krise – Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen

Schreiber_25474_MR.indd„Herauszufinden, wo man zu Hause ist, ist eine der grundlegendsten Auseinandersetzungen, die wir in unserem Leben führen müssen.“ S. 135f

Dieser Satz steht am Ende der Danksagung Daniel Schreibers in seinem Buch „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen.“ Und es gelingt ihm ganz wunderbar, diese Auseinandersetzung zu beschreiben, in einem sehr persönlichen Essay, der stellenweise in seiner Ehrlichkeit und Offenheit sehr berührt und der sehr klug immer auch philosophische Betrachtungen zu dem einflicht, was Heimat und zu Hause sein können, was sie uns bedeuten und warum sie so wichtig für uns sind.

Mit „Heimat“ verbinden wir als erstes ganz selbstverständlich einen Ort, zumeist den, an dem wir aufgewachsen sind, ohne gleich zu bedenken, dass das, was uns so geprägt hat für unser ganzes späteres Leben, eigentlich nicht ein Ort sein kann, sondern immer mit den Menschen dort zu tun hat, mit den Erfahrungen, die wir dort gemacht haben, den Erinnerungen, die uns begleiten. Daniel Schreiber, Jahrgang 1977, wuchs in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern auf und man verdeutlichte ihm schon früh, dass er sich von anderen unterschied, dass er sich zu feminin benahm, man wollte ihn auf männlich trimmen. Eine linientreue Lehrerin in seinen ersten Schuljahren vermittelte ihm nicht etwa, dass er so, wie er war, in Ordnung war, sondern ermutigte seine Mitschüler im Gegenteil dazu, ihn auszugrenzen. Auch wenn die Kindheit im Elternhaus größtenteils gute Erinnerungen mit sich brachte – abgesehen davon, dass ihm auch hier schon früh und eher diffus bewusst war, dass irgendetwas an ihm anders war – so hat ihn die frühe Erfahrung der Ausgrenzung und des „Nichtkonformseins“ doch sehr für das spätere Leben geprägt und auch für sein Verhältnis zu diesem Ort, an dem er seine Wurzeln hat.

Schreiber erzählt sehr offen von den Erfahrungen seiner Kindheit, ebenso wie von einer schweren Krise, in die er nach einer längeren Zeit in London gerutscht war. Diese Londoner Zeit war geprägt von einer unglücklichen Liebe zu einem Exfreund, mit dem auch eine Freundschaft nicht recht möglich war. Zurück in Berlin begriff Schreiber, dass seine Krise auch damit zu tun hatte, dass er sich dort nicht zu Hause fühlte, und er begann, darüber nachzudenken, was ein Zuhause eigentlich ausmacht und wie wir einen Ort zu einem Zuhause machen können. Uns Leser lässt er an einem längeren Prozess teilhaben, in dem ihm langsam klar wurde, dass es letztendlich an ihm selber war, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen.

Wir begleiten Daniel Schreiber auf seinen Ausflügen in seine Vergangenheit, von der er so offen erzählt und auf seinen Spaziergängen durch London, Berlin und New York, die drei Orte, an denen er in seinem Leben als Erwachsener länger gelebt hat. Orte, die er sich immer wieder auch erläuft und so vielleicht auch versucht, sie sich zu eigen und zu einem Zuhause zu machen. Diese persönlichen Passagen verschränkt er gekonnt mit philosophischen Zitaten, hinterfragt den Begriff des Zuhause auch psychologisch. Dabei streift er einige andere Themenbereiche, versucht, sich der ambivalenten Sehnsucht, die er so deutlich spürt, auch analytisch zu nähern.

Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause lebt in jedem von uns. Es ist die Suche nach dem Ort […], an dem wir nicht in Frage gestellt werden.“ So zitiert er die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou (S. 84), „irgendwo zwischen lebenskluger Erkenntnis und Kalenderweisheit.“ 

Im Gegensatz zu früher habe sich der Begriff des Zuhause verändert, macht Schreiber an anderer Stelle deutlich, sei es „gleichermaßen ein realer wie ein innerer, ein spiritueller und ein sozialer Ort, an dem wir uns aus Gründen, die uns nicht einmal bewusst sein müssen, niederlassen.“ S. 14. Umziehen ist heutzutage normal geworden, Beruf oder Privates zwingen uns dazu, unser Zuhause zu wechseln, und wir tun so, als sei es keine große Sache, obwohl viele von uns lange, sehr lange brauchen, um an einem neuen Ort anzukommen. Der Autor beschreibt dabei sehr eindrücklich seine eigenen ambivalenten Gefühle:

„Ich konnte oder wollte nicht in Berlin zu Hause sein, so groß meine Sehnsucht nach einem Zuhause auch war. Lag es vielleicht daran, dass dieser Sehnsucht stets auch die Sehnsucht nach Aufbruch entgegenstand? Dass mein Bedürfnis wegzugehen ebenso tief verankert war wie jenes anzukommen?“ S. 49

Schreibers Essay ist ein dünnes Buch, aus meinem Exemplar ragen dennoch zahllose Post-its, so viele Stellen, Zitate, Beobachtungen, in denen ich mich auch persönlich wiedergefunden habe. Ein Zuhause, eines, an dem man sich wohlfühlt, wünscht sich jeder, und so sucht man sich in Schreibers Ausführungen immer auch selbst, gleicht seine Erfahrungen mit den von ihm beschriebenen ab, vielleicht umso mehr, wenn man selbst sein ursprüngliches Zuhause, seine „Heimat“ verlassen hat.

„Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“ hat mich einerseits in seiner sehr mutigen Offenheit und der Bloßlegung vieler so persönlicher Erfahrungen berührt und mich andererseits mit seinen vielen klugen Gedanken zu Themen, die uns alle angehen, überzeugt und zum Nachdenken gebracht. Ein wunderbares Buch, an dessen Ende sein Autor angekommen zu sein scheint.

„Manchmal ist man nicht in der Lage, zu erkennen, dass so etwas wie Zufriedenheit möglich ist, weil diese Zufriedenheit so klein wirkt neben dem Glück, das man sich wünscht.“ S. 121

Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen, Hanser Verlag, 2017, 144 Seiten, 18 Euro

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3 Antworten zu Vom Weg aus einer Krise – Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen

  1. dj7o9 schreibt:

    Das möchte ich jetzt lesen 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Daniel Schreiber: Zuhause | Poesierausch

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