Das bessere Leben – Imbolo Mbue: Das geträumte Land

das-getraeumte-land-mbueJende und Neni sind mit ihrem kleinen Sohn in die USA gekommen, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben führen zu können, als sie es in Kamerun hatten. Jende kam mit einem Besuchervisum, das er überzogen hat, Neni hat ein Studentenvisum und träumt davon, eines Tages Apothekerin zu werden. Beide sind entschlossen, ihrem Sohn und der Tochter, die sie noch bekommen werden, eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Durch Beziehungen bekommt Jende einen Job als Chauffeur bei der wohlhabenden Familie Edwards. Clark Edwards arbeitet bei Lehman Brothers, und auch Jendes Frau Neni wird zeitweilig engagiert, um für Clarks Frau Cindy und den jüngeren der beiden Söhne der Edwards als Haus- bzw. Kindermädchen zu arbeiten.

Es sind diese zwei Paare, um die Imbolo Mbues Debütroman „Das geträumte Land“ kreist. Dabei ist es ein guter Kniff der Autorin, Jende zum Chauffeur zu machen: Er erfährt so viel aus dem Leben seiner Arbeitgeber, hört täglich geschäftliche Telefonate Edwards mit an, bekommt mit, wenn es Cindy nicht gut geht und sie mit ihren Freundinnen telefoniert. Selbstverständlich hat Jende sich zu Loyalität und Diskretion gegenüber Clark verpflichtet, wobei die Einhaltung dieser Verpflichtung noch zu Problemen führen wird.

Es gelingt Mbue gut, die Beziehungen ihrer Figuren zu beleuchten und darzustellen. Clark und Jende verstehen sich gut und beginnen, über ihre Familien zu sprechen, über ihre Kinder und das, was wohl aus ihnen einmal werden wird. Während Jende seinen Kindern um jeden Preis ein Leben in den USA ermöglichen will, zieht es Clarks älteren Sohn Vince heraus aus der kapitalistischen Welt, für die sein Vater seiner Meinung nach steht, was dieser nicht nachvollziehen kann. Jende ist bewusst, dass seine Aufgabe vor allem darin besteht, seinen Boss in dessen Ansichten und Tun zu bestärken, ihr Verhältnis geht aber irgendwann darüber hinaus.

Recht differenziert werden nicht nur die Beziehungen zwischen den reichen Amerikanern und den armen Einwanderern dargestellt, sondern auch die der beiden Paare unter sich. Und auch wenn Jende und Neni von Zeit zu Zeit staunen, wie amerikanische Paare miteinander umgehen (in Kamerun trifft letztendlich doch immer der Mann alle Entscheidungen), so wird doch auch immer wieder deutlich, dass bestimmte Mechanismen in den Beziehungen ganz ähnlich sind – unabhängig von Herkunft und sozialem Status. Und dass Attribute wie Stolz und Ehre und auch der Schein nach außen sowohl bei den Edwards als auch bei den Jongas eine Rolle spielen, auch, wenn sie nicht immer dasselbe bedeuten mögen.

Letztlich ist die Frage, die „Das geträumte Land“ stellt, ob es Jende und Neni gelingen wird, das geträumte, das von ihnen so sehr erträumte Land zu ihrem Land und ihrem Zuhause zu machen. Sie glauben, dass sie nur hart genug daran arbeiten müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Amerika ist für sie eine Verheißung von Glück. Und die Clarks, für die Amerika und ein Leben im Wohlstand normal ist, was ist für sie Glück? Die Frage stellt sich nicht erst, als Lehman Brothers in die Krise kommt.

Mbue schafft einen lebendigen Romankosmos und bevölkert ihn mit facettenreichen Figuren. Die Sehnsüchte und Ängste der vornehmlich sympathischen Protagonisten bringen diese dazu, andere zu verletzen und hässliche Dinge zu tun. In „Das geträumte Land“ blitzt immer wieder ein wenig erfrischender Humor auf, wo eine ernste, eine existenzielle Geschichte erzählt wird. Vielleicht am Ende ein wenig zu glatt und in der zweiten Hälfte nicht mehr ganz so fesselnd wie zu Beginn, zeigt der Roman sehr plastisch das Streben nach Glück und kontrastiert überzeugend die beiden Familien, die aus unterschiedlicheren Welten nicht kommen könnten und doch immer auch Berührungspunkte finden.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land, Kiepenheuer & Witsch, 2017, 432 Seiten, 22 Euro

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Eine Antwort zu Das bessere Leben – Imbolo Mbue: Das geträumte Land

  1. Gela schreibt:

    Gelungene Rezension.
    Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Ein gerade sehr aktuelles Thema. Wenn schon die Obama-Zeiten schwierig waren, hätte Jende jetzt sicherlich schneller aufgegeben.
    Liebe Grüße
    Gela (http://gelas-home-of-books.blogspot.de/)

    Gefällt 1 Person

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