Gerechtigkeit oder Rache? – Takis Würger: Der Club

der-club-wuergerEs sind große Fragen, die in dieser auf das Nötigste reduzierten Geschichte wie nebenbei aufgeworfen werden: Was wiegt schwerer? Was ist es, das uns antreibt, wenn uns Unrecht geschehen ist? Ist es Gerechtigkeit, die wir anstreben, oder doch schlichte Rache und wann ist es das eine, wann das andere? Kann Rache am Ende wirklich befriedigen? Diese Fragen werden nicht alle offen ausgesprochen, sie schwingen leise mit.

Dass Unrecht geschehen ist, irgendwann, bevor die hier erzählte Handlung einsetzt, das erfahren wir früh, um welches Unrecht es aber geht, das bleibt lange im Dunkeln. Der junge Hans wird von seiner Tante Alex nach Cambridge gerufen, bekommt dort mit ihrer Hilfe einen Studienplatz. Sie lebt und arbeitet dort. Hans soll versuchen, im Pitt Club Mitglied zu werden, einem Club, der nur Männer aufnimmt und dies nur nach bestimmten Regeln. Alex sagt, dass dort Verbrechen geschehen. Welche? Das soll Hans selbst herausfinden.

Takis Würger erzählt in seinem Roman „Der Club“ von Hans’ Leben und dabei hauptsächlich von der Zeit, die er in Cambridge verbringt. Von den Menschen, die er dort kennenlernt, allen voran Charlotte, die ein paar Jahre älter ist als er und die ihn fasziniert. Auch sie gibt ihm zunächst nur sehr wenige Informationen über das, was sie über den Club weiß. Sie hat ein persönliches Interesse daran, dass Hans sich dort einschleicht.

Würger wechselt in „Der Club“ häufig die Perspektive und lässt die Personen der Geschichte abwechselnd erzählen, so dass das gleiche Geschehen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Einerseits sind diese Schilderungen sehr persönlich, lesen sich wie Tagebuchaufzeichnungen, andererseits ist ihnen gemeinsam, dass sie sehr nüchtern daherkommen, teils sogar ein wenig kalt. Der reduzierte Stil zieht sich durch den gesamten Roman, auch Dramatisches, Tragisches wird da manchmal wie nebenbei fallengelassen. Was anderswo in seiner Beiläufigkeit umso mehr trifft, ließ mich hier meist seltsam kalt, packte nicht in einer zum Geschehen passenden Intensität. Obwohl Würger seine Protagonisten in ihrer Sprache voneinander abzugrenzen weiß, werden sie nur zum Teil lebendig, bleiben ein wenig schablonenhaft. Wir erfahren von den Personen der Geschichte nur das, was für diese wichtig ist, nur über Hans lesen wir etwas mehr. Da der Fokus ganz eindeutig auf dem Club und dem Geschehen dort liegt, ist das auch nachvollziehbar. Würger setzt seinen reduzierten Stil gekonnt ein, mir war er manchmal etwas zu karg.

„Der Club“ ist auf der einen Seite die Geschichte eines noch sehr jungen Mannes, der früh große Verluste zu verkraften hatte: Hans war noch sehr jung, als er seine Eltern verlor. Dass seine Tante ihn damals nicht bei sich aufnahm, konnte er weder verstehen, noch ihr verzeihen. Seine Aufgabe in Cambridge ist auch ein bisschen eine Weichenstellung für sein späteres Leben, ein Schritt ins Erwachsenwerden. Auf der anderen Seite liest man einen Krimi, der sich allerdings mit der Beantwortung der Frage, welche Verbrechen im Pitt Club begangen werden, Zeit lässt, was die Erwartungen mehr und mehr hochschraubt – vielleicht letztendlich etwas zu hoch?

„Der Club“ liest sich unterhaltsam und durch die wechselnden Perspektiven sehr abwechslungsreich. Geschickt gemacht ist auch, dass man als Leser eigentlich nicht sicher sein kann, ob die jeweils erzählende Figur sich vielleicht selbst belügt – und damit auch den Leser. Würgers Roman ist eine bewusst reduzierte Geschichte, eine Mischung aus Coming-of-Age-Roman und Krimi, die sich im Nu lesen lässt. Ein Roman mit kleinen Schwächen, alles in allem aber eine empfehlenswerte Lektüre.

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber Verlag, 2017, 240 Seiten, 22 Euro

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