Kinderemigration in Italien – Marco Balzano: Das Leben wartet nicht

pressebild_das-leben-wartet-nichtdiogenes-verlag_72dpiMarco Balzano wuchs als Kind süditalienischer Einwanderer in Mailand auf und lebt heute noch dort. Seinen neuen Roman „Das Leben wartet nicht“ widmet er denjenigen, die in den späten 50er und frühen 60er Jahren als Kinder in den Norden Italiens kamen, nach Mailand, Genua und Turin, um dort ihr Glück zu finden, ein besseres Leben, als es ihnen im armen Süden bevorstand.

Der Roman beginnt in der Gegenwart: Ninetto ist kurz vor dem Rentenalter und er sitzt im Gefängnis. Als er im Gefängnishof seinen alten Lehrer zu erkennen glaubt, den Lehrer, der ihm die Liebe zu Literatur und Poesie vermittelt hat, die ihn sein Leben lang begleitet, erinnert er sich zurück an seine Kindheit. An seine Reise in den Norden, an die schwierige Zeit zu Beginn, allein und auf der Suche nach Arbeit, bevor er eine feste Anstellung fand und schließlich früh heiratete.

Ninetto, auch pelleossa, das heißt „Haut und Knochen“ genannt, weil er so dünn war und ist, schwelgt also in Erinnerungen und erzählt dem Leser sein Leben. Zwischendurch erleben wir kurze Sequenzen in der Gegenwart, die aber in der ersten Hälfte des Romans eher selten und kurz sind, in der zweiten Hälfte dann aber häufiger werden. Schließlich befindet sich die Geschichte dann ganz im Heute. Warum Ninetto im Gefängnis ist und eine mehrjährige Strafe absitzt? Lange bleibt dies im Dunkeln.

„Das Leben wartet nicht“ konnte mich leider weder durchgehend fesseln noch unterhalten. Lange, sehr lange liest man eine Aneinanderreihung von Alltag, in einer einfachen, dabei aber leider kaum packenden Sprache, die Geschichte geht kaum voran, dreht sich im Kreis. Als Kind erleben wir Ninetto kokett und ja, als 9-Jähriger muss er sich quasi allein durchs Leben schlagen, was einerseits wohl eine gewisse Charakterstärke voraussetzt und andererseits stark macht und abhärtet. Überzeugend dargestellt wird all dies nicht, Balzano bleibt stets an der Oberfläche. Bis irgendwann, auf der Hälfte des Romans, die Geschichte ein wenig Fahrt aufnimmt, als Ninetto seine spätere Frau Maddalena kennenlernt.

Später dann gibt es durchaus einige Szenen, die mir gefallen haben, als es um das Leben Ninettos heute geht, um seine Tat, die ihn ins Gefängnis brachte und die Frage, wie er mit ihr umgehen will. Seine Therapeutin ist eine interessante Figur, die mich überzeugt hat und über die ich gern mehr gelesen hätte. Allerdings ist der Weg dorthin weit, die Geschichte von Ninettos Kindheit nimmt einfach zu viel Platz ein.

Ninetto ist keine überzeugende Figur. Ein kluger Mensch von niederer Bildung, einer, der sich früh allein durchs Leben schlagen muss, so einer hat viel Potential für einen fesselnden Roman. Ein Potential, das Balzano meinem Empfinden nach nicht ausschöpft. Viele von Ninettos einfachen Lebensweisheiten (und oft sind diese gerade sehr wahr und können, richtig in Szene gesetzt, sehr nachdenklich machen) erscheinen mir banal und nichtssagend. Ninetto kam mir bei der Lektüre nicht nah, blieb blass, obwohl er selbst es ist, der die Geschehnisse aus seiner Sicht erzählt.

Unklar ist auch, welche Geschichte Balzano eigentlich erzählen will. Ist es die Lebensgeschichte eines einfachen Mannes? Die Geschichte einer Tragödie, eine Geschichte von Schuld und Vergebung? Eine Emigrantengeschichte? „Das Leben wartet nicht“ ist alles davon ein bisschen, nichts davon richtig. Die Parallelen zur heutigen, zur aktuellen Emigration von Chinesen und Nordafrikanern, um die es, so suggeriert es der Klappentext, in Balzanos Roman auch gehen soll, bleiben vage und nebensächlich.

„Das Leben wartet nicht“ wirkt unentschlossen, kreist zu lang um den Protagonisten, ohne dass eine Entwicklung deutlich wird, schafft es nicht, mir diesen Ninetto wirklich nahe zu bringen. Dass der Roman auch anders wirken kann, zeigt sich dadurch, dass er in Italien der erfolgreichste von Balzanos Romanen ist und er mit ihm den Premio Campiello gewann.

Marco Balzano: Das Leben wartet nicht, Diogenes Verlag, 2017, 304 Seiten, 18,99 Euro

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2 Antworten zu Kinderemigration in Italien – Marco Balzano: Das Leben wartet nicht

  1. literaturreich schreibt:

    Schade! „Damals am Meer“ hatte mir eigentlich ziemlich gut gefallen. Deshalb wollte ich eigentlich auch den neuen Roman lesen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher…

    Gefällt 1 Person

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