Liebe und Leid auf Island – Jón Kalman Stefánsson: Etwas von der Größe des Universums

etwas-von-der-groesse-des-universumsZurück nach Keflavík: Wer vor zwei Jahren bereits Jón Kalman Stefánssons sehr beeindruckenden Roman „Fische haben keine Beine“ gelesen hat, dem wird gleich einiges bekannt vorkommen: Es ist jener Ari, der damals in seine Heimat zurückkehrte, gerade seine Frau verlassen hatte, nicht sicher war, ob er sie noch liebte und der seinen Vater treffen wollte, den er schon lange nicht gesehen hatte. Und mit dem es einiges zu klären gab. Jener Ari begegnet uns jetzt wieder.

„Etwas von der Größe des Universums“ setzt mehr oder weniger am gleichen Punkt ein. Im Vorgängerroman war der Erzähler so aktiv durch Vergangenheit und Gegenwart gestreift, hatte hier und dort angehalten, von Aris Vorfahren erzählt, vor allem seinen Großeltern und ihrer Liebe, ihrem Leben, dass die Geschichte um Ari zwar nicht zu kurz kam, aber kaum vorangeschritten war. Und so befindet er sich auch jetzt auf dem Weg zu Jakob, seinem Vater, mit dem das Verhältnis seit jeher schwierig war.

Der gerade neu im Piper Verlag erschienene Roman „Etwas von der Größe des Universums“ ist ohne Kenntnis von „Fische haben keine Beine“ lesbar, dennoch fühlt man sich womöglich etwas fester im Sattel bei der Lektüre dieses Romans, wenn man den Vorgänger kennt. Wenn man die Protagonisten vielleicht noch ein wenig präsent hat. Ich habe es als hilfreich empfunden, und für mich war der neue Roman dann auch so etwas wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten – auch wenn ich nicht bei allen gleich wusste, wo ich sie schon einmal gesehen hatte.

Wir erfahren hier mehr aus Aris Kindheit und Jugend, lesen über die Beziehung seiner Eltern, die kurz, aber intensiv war. Und auch die Geschichte von Aris Großmutter Margrét geht weiter: Sie hat in ihrem Leben sowohl großes Glück als auch Unglück erlebt. Letztlich gibt es einiges in Aris Vergangenheit, das ihn immer noch beschäftigt, aufwühlt und das für ihn nicht abschließend geklärt ist. Auch um diese Geschehnisse geht es in Stefánssons neuem Roman.

Sein Stil ist hier wiederum präzise, mal kurz und auf den Punkt, dann wieder bildreich und ausgeschmückt. Auch bezieht er Konkretes wie zuvor auf das Allgemeine, beginnt zu philosophieren, wenn auch nicht mehr so häufig und einprägsam wie in der Vorgeschichte.

„… da zieht rasch eine dunkle Wolke über sein Gesicht, denn die, die sterben, verwandeln sich in Schweigen, sie können nicht mehr mit einem reden, einem vielleicht nicht einmal mehr zuhören – alles, was wir ihnen sagen, verschwindet spurlos im Nichts.“ S. 324

Letztlich hat mich „Etwas von der Größe des Universums“ weniger gepackt als „Fische haben keine Beine“: Ich habe den Vorgänger deutlich runder in Erinnerung, habe mich beim Lesen weniger verloren gefühlt, als es jetzt der Fall war, obwohl Stefánsson in beiden Romanen springt, den Leser immer wieder neu ins kalte Wasser wirft und doch wieder auffängt, an die Hand nimmt und weiter führt in seiner Geschichte. Egal, ob wir uns nun gerade in der Vergangenheit befinden, in der wir wiederum Aris Großmutter begegnen, ob wir Ari als Jugendlicher bei der Arbeit zusehen oder als längst Erwachsener, der die Dinge mit seinem Vater klären will. Stefánsson behält die Fäden fest in der Hand.

Insgesamt geschieht hier wenig, hat der Roman wenig Handlung im Sinne eines Agierens, eines Tuns. Es ist ein langsames Erzählen, das immer wieder stockt. Der Ich-Erzähler, der oft lange völlig in den Hintergrund tritt, ist hier greifbarer, scheint real, wo ich vorher mutmaßte, dass es ihn vielleicht gar nicht gebe. Ich hätte mir die Geschichte etwas weniger verschleiert gewünscht, ein wenig entschlossener, zielstrebiger. Dass Jón Kalman Stefánsson ein großer Autor ist, steht dabei für mich außer Frage, dass er schreiben kann und Geschichten zu erzählen hat. Am Ende mag es einfach der Zeitpunkt gewesen sein, zu dem die Lektüre des Romans persönlich gerade einfach nicht ganz gepasst hat.

Ich möchte dazu ermuntern, diesen Autor zu lesen, sich nach Island und auf die raue See entführen zu lassen, mit den Fischern auf das Meer herauszufahren und sich mit ihren Familien an den Tisch zu setzen. Es lohnt sich. Wer „Fische haben keine Beine“ noch nicht kennt, dem würde ich empfehlen, damit zu beginnen (das Taschenbuch ist für April angekündigt), nötig ist es für das Verständnis von Stefánssons neuem Roman aber keineswegs.

Jón Kalman Stefánsson: Etwas von der Größe des Universums, Piper Verlag, 2017, 400 Seiten, 24 Euro

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4 Antworten zu Liebe und Leid auf Island – Jón Kalman Stefánsson: Etwas von der Größe des Universums

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich wollte schon länger etwas von Stefánsson lesen … Dann wohl besser erst „Fische …“. Kennst du noch andere Romane dieses Autoren?
    Viele Grüße!

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  2. Constanze Matthes schreibt:

    Ich lese Stefánsson immer wieder sehr gern, seine Bücher strahlen so viel Posie und Liebe für das Land aus, aber auch Respekt für die Menschen, deren Leben nicht einfach war/ist. Auf diesen Roman freue ich mich, seitdem ich durch die Vorschau von Piper geblättert habe. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

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