Weiterleben – Colm Tóibín: Nora Webster

Toibin_25063_MR.inddNoras Mann Maurice ist seit einigen Monaten tot. Sie versucht, zurück in den Alltag zu finden und mit der neuen Situation zurechtzukommen. Wir befinden uns in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer kleinen Stadt in Irland. Dort wird viel geredet, und es ist wichtig, was die Leute über einen sagen. Es gibt jede Menge ungeschriebene Regeln, und von Nora wird erwartet, dass sie sich an diese Regeln hält. Zu Beginn des Romans ist sie Mitte 40 und der Leser darf sie ungefähr drei Jahre lang dabei begleiten, wie sie langsam in ein neues Leben ohne Maurice hineinfindet.

Colm Tóibíns Roman „Nora Webster“, auf deutsch im Herbst 2016 bei Hanser erschienen, konzentriert sich sehr auf seine Hauptfigur. Nora ist gezwungen, zu arbeiten. Ihre beiden jüngeren Kinder, die Söhne Donal und Conor, sind aber eigentlich noch zu jung, um die Nachmittage allein zu Hause zu verbringen. Die Töchter Fiona und Aine sind schon aus dem Haus. Nora ist auf die Hilfe anderer angewiesen, ihrer Schwestern, mit denen sie ein nicht ganz spannungsfreies Verhältnis hat, ihrer Tante, die ihr auch mal den Kopf zurechtrückt, worauf Nora dann gern ein wenig spitz reagiert. „Nora Webster“ ist denn auch eigentlich hauptsächlich eine Charakterstudie dieser Frau: Sie ist eine starke Persönlichkeit, erlaubt sich auch eine eigene Meinung, wo die meisten Frauen in ihrem Umfeld eher schweigen und die Männer reden lassen, sie wehrt sich, als sie auf der Arbeit ungerecht behandelt bzw. gemobbt wird. Nora eckt an. Sie ist aber auch klug und wägt stets genau ab, wie sie vor allem in der Erziehung ihrer Kinder am besten reagiert. Sie entdeckt, dass sie selbst der wichtigste Mensch in ihrem Leben ist, verliert das Wohl vor allem der Söhne aber nie aus den Augen.

Tóibín erzählt seine Geschichte in einem ruhigen Ton und lässt den Leser Platz nehmen an Noras Tisch in ihrem Haus, das ihr nun allein gehört, zeigt ihm ihr Leben: Irgendwann stellt sie fest, dass sie jetzt Dinge tun kann, die Maurice nicht mochte, wie Musik hören, so entdeckt sie die Klassik für sich. Oder dass sie das Haus verändern kann, wogegen er sich gesträubt hätte. Gefühle lässt Tóibín seine Protagonisten eher in Nuancen zeigen und kaum aussprechen, Noras Trauer um ihren Mann und die ihrer Kinder um den Vater spüren wir trotzdem.

„Nora Webster“ hat starke autobiografische Züge: Colm Tóibín hat in seinem Roman seiner Mutter ein Denkmal gesetzt, die wie seine Protagonistin ihren Mann früh verlor. Und wie Noras Sohn Donal hat Tóibín nach dem Verlust des Vaters zu stottern begonnen. Wir lesen von der Mondlandung und von den Unruhen in Nordirland, immer wieder werden wir daran erinnert, wie sehr die kleine Stadt auf Nora achtet und auf das, was sie treibt. Man hat genaue Vorstellungen davon, was eine Witwe zu tun hat und in welchem Zeitraum die Dinge zu geschehen haben – dass sie es etwa nach drei Jahren immer noch nicht geschafft hat, Maurices Kleidung wegzugeben, sieht man mit Argwohn und Unverständnis.

Wie Tóibíns Figur sich aber eigensinnig und mutig einen Weg sucht zurück in ein Leben ohne ihren Mann, der, für diese pragmatische Frau klingt es fast ein wenig rührselig, „die Liebe ihres Lebens“ war, das liest sich trotz aller Ruhe, trotz des Fehlens aller Dramatik, berührend und fesselnd. Über Trauer zu schreiben, ist stets schwer, hier gelingt es. Ein stilles Buch, in dem der Autor sich mit aller Behutsamkeit seiner Figur nähert. Wie schon der zuvor erschienene Roman „Brooklyn“ ist er zugleich die Charakterstudie einer Frau, die sich in einer neuen Situation zurechtfinden muss und dazu das Porträt einer Zeit des Aufbruchs und eines Milieus. All dies fügt sich zusammen zu einer lesenswerten Geschichte.

Colm Tóibín: Nora Webster, Hanser Verlag, 2016, 384 Seiten, 26 Euro

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10 Antworten zu Weiterleben – Colm Tóibín: Nora Webster

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Das war jüngst mein erster Toibin-Roman – und ich war sehr eingenommen von dieser ruhigen Sprache. Ein „leises“, aber starkes Buch.

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ich mag ihn auch sehr. Kann auch Brooklyn empfehlen. Da hat mir auch die Verfilmung gut gefallen. Und ich war mal auf einer Lesung mit ihm, das war auch gut, er ist sehr unterhaltsam.

      Gefällt 2 Personen

  2. literaturreich schreibt:

    Wartet noch, du bist mir wieder einen Schritt voraus ;). Ich freue mich sehr auf die Lektüre nach deiner schönen Rezension.

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  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ich habe über den Roman mehrfach in Besprechungen gelesen. Jetzt sollte er endlich auf die Wunschleseliste, danke für die Erinnerung und die wunderbare Besprechung. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

  4. buchpost schreibt:

    Bin sehr froh, dass dieses Buch schon hier liegt, sonst wäre ich jetzt doch schwach geworden. LG, Anna

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  5. Pingback: Blogbummel Januar/Februar 2017 – buchpost

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