Lebensbuch – Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

HB Yanagihara_25471_MR1.inddDer Verlag kündigt den Roman selbstbewusst an: „Sie werden über dieses Buch sprechen wollen.“ So etwas kennt man, klar, der Verlag möchte das Buch verkaufen, aber mir war schon nach wenigen Seiten der Lektüre klar, dass er hier recht behalten würde, dass hier etwas anders war: Ich wollte über das Buch reden, ich musste. Und das habe ich getan, ich habe Menschen, mit denen ich mich oft über meine Lektüre austausche, von „Ein wenig Leben“ erzählt, davon, wie sehr mich die Geschichte in ihren Bann zog, dass ich so etwas noch nie oder doch zumindest seit langer Zeit nicht gelesen hatte und dass sie sie unbedingt lesen müssten, – um dann zurückzurudern, nur keine zu hohen Erwartungen zu wecken, die dann der Grund sind, warum sie das Buch dann doch nicht so sehr lieben werden, wie ich es geliebt habe. Und ich habe sogar Menschen in meinem Umfeld von dem Roman erzählt, mit denen ich nie über meine Lektüre rede, da sie einfach keine Leser sind, es musste sein, auch wenn sie es nicht lesen werden, schon allein aufgrund der 960 Seiten, die das Buch umfasst, denn vermutlich versucht man es als Nicht- oder Wenigleser nicht mit einem Roman dieses Umfangs, wenn man darüber nachdenkt, es doch einmal (wieder) zu versuchen.

Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ hat mich so mitgerissen, berührt und überwältigt, wie es noch nie oder zumindest seit sehr langer Zeit nicht der Fall war.

Zum Inhalt möchte ich nicht viel sagen. Der Verlagstext geht nicht ins Detail, ich wusste nicht, was mich erwartet und das war hier genau richtig. Bestimmte Teile in der Geschichte entblättern sich Schicht für Schicht und die Autorin schafft es, dass man sich gleichzeitig wünscht und nicht wünscht, dass diese verborgenen, fehlenden Teile ans Licht kommen. Man weiß früh, dass ihre Kenntnis schmerzen wird.

Vier junge Männer lernen sich auf dem College kennen, und sie bleiben ein Leben lang Freunde. JB ist Künstler, Malcolm macht als Architekt Karriere, Willem wird Schauspieler, Jude ein hervorragender Jurist. Nicht alle vier stehen in „Ein wenig Leben“ gleichermaßen im Fokus. Vor allem sind es Jude, dessen Vergangenheit auch für seine Freunde lange völlig im Dunkeln liegt und von der wir nur wissen, dass ihm Schlimmes widerfahren sein muss, und Willem, der charismatische Schauspieler, der auch als er berühmt geworden ist, nie aufhört, ein guter Freund zu sein und immer mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Jude und Willem haben eine ganz besondere Verbindung. Es gibt noch einige weitere Charaktere, die eine große Rolle in der Geschichte spielen. Insgesamt erzählt Yanagihara über 30 Jahre im Leben ihrer Protagonisten. Ihr Roman ist vor allem eine Geschichte über Freundschaft, über Liebe, über die Frage, was diese beiden bewirken können, was sie ausmacht und ob sie Retter in der Not sein können. Kann Freundschaft alles bewältigen? Oder gibt es das doch: Dass jemand so beschädigt, so traumatisiert ist, dass ihn auch Menschen, die ihn lieben, nicht retten können?

„Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger -, und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“ Kapitel III.1

Das Erstaunliche an Yanagiharas Roman ist, wie er sich permanent zwischen zwei Polen bewegt: zwischen einer tiefen, einer schier bodenlosen Hoffnungslosigkeit, die in „Ein wenig Leben“ absolut nachvollziehbar ist und einer ebenso starken, unwiderruflichen Hoffnung darauf, dass alles gut werden kann. Dabei erzählt die Autorin in einer einfachen, klaren Sprache, die stets auf den Punkt kommt, obwohl ihre Sätze teilweise lang und verschachtelt sind,  sie ausholt, etwas in anderen Worten neu erläutert, wobei immer eine neue Nuance hinzukommt, sie sich also nie wiederholt, sondern nur das Bild dessen, das sie gerade in Szene gesetzt hat, abrundet und vervollkommnet. So habe ich auch keine der 960 Seiten als zu viel empfunden, bin völlig abgetaucht in das Leben der Protagonisten, habe mich mitnehmen lassen, mich in die Hände der Autorin bzw. Erzählers des Romans begeben. Die Figuren geraten Yanagihara absolut lebensecht, wie Menschen aus Fleisch und Blut sieht man sie vor sich. Manchmal werden sie direkt beschrieben, meist erlebt man sie in Aktion, wird uns beim Lesen gezeigt, wie sie sind, sehen wir ihnen in bestimmten Situationen zu. Solche einzelnen Situationen und Begebenheiten pickt sich die Autorin heraus, während anderes, das für die Geschichte nicht entscheidend ist, schnell zusammengefasst wird. In diesen Episoden aber geht sie sehr in die Tiefe, benötigt nur wenige Sätze, um uns gefangen zu nehmen, direkt dabei sein zu lassen und völlig in den Bann der Geschichte zu ziehen.

Hanya Yanagihara konzentriert sich in ihrem Roman auf ihre Figuren und ihre Beziehungen untereinander. Ihre Geschichte spielt sich hauptsächlich in New York ab, wir müssen uns irgendwann in der Gegenwart befinden, so viel wird durch die dargestellte Lebenswirklichkeit deutlich, aber uns werden keine Jahre genannt, geschichtliche, politische Ereignisse bleiben außen vor, auch wenn eine bestimmte Geisteshaltung, die die Kreise, in denen die Freunde sich bewegen, immer präsent ist.

„Ein wenig Leben“ hat mich umgehauen. Hanya Yanagihara bewegt sich scheinbar spielend zwischen Wucht und Leichtigkeit, fern von jedem Kitsch und Pathos. Es ist bodenlos traurig, birgt aber stets ein wenig Hoffnung in sich, ist durchzogen von einer ungeheuren Warmherzigkeit. Eine Warmherzigkeit, die dazu führt, dass das Buch mit den Abgründen, die es beschreibt, nicht unerträglich wird. Bezeichnend ist auch, dass es gerade die Stellen in der Geschichte sind, die noch mehr berühren, in denen nicht die Trauer und die Grausamkeiten im Vordergrund stehen, sondern jene, in denen es ein wenig Licht gibt, Zuversicht, Ein wenig Leben, oder doch gerade nicht nur ein wenig, sondern mehr als das.

Der Roman hat mich nicht nur während der Lektüre beschäftigt, er hat mich auch dann nicht losgelassen, als ich gerade nicht gelesen habe. „Ein wenig Leben“ ist ein großartiger Roman über – kurz gesagt – das Leben. Über große Fragen, über den Sinn. Ein Lebensbuch – für mich. So herausragend, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendetwas in nächster Zeit auch nur annähernd in seine Nähe kommen kann.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Hanser Berlin Verlag, 2017, 960 Seiten, 28 Euro

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29 Antworten zu Lebensbuch – Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

  1. Bri schreibt:

    Das Buch ist ja derzeit in aller Munde – und deshalb kann ich Deine bestimmt wieder sehr fundierte Rezension jetzt erst mal nicht lesen … ich weiß noch nicht, ob ich das Buch lesen will … und halte mich gerade deshalb von den ganzen Besprechungen dazu fern;) Aber es muss sehr gut sein, das habe ich schon allerorten herausgehört. LG, Bri

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  2. thursdaynext schreibt:

    Oha, diese Begeisterung macht neugierig.

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  3. thursdaynext schreibt:

    Dabei ist das Cover für mich ein absolutes NoGO 😉

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  4. Dreamon schreibt:

    Nachdem ich einen Teil deiner Rezension gelesen habe, werde ich es mir auch demnächst kaufen. 🙂

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  5. Leseseiten schreibt:

    Das ist ja ein bemerkenswertes Leseerlebnis gewesen! Ich hatte es aus der Vielzahl der Neuerscheinungen für mich als „interessant“ herausgepickt. Jetzt führt wohl kein Weg daran vorbei… Danke für die sehr gute Rezension!

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  6. Pingback: Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“ | leseschatz

  7. Masuko13 schreibt:

    Dein Leseerlebnis bringt für mich nochmal einige Dinge in ein anderes Licht. Mir war der Schmerz, den Jude ertragen musste, oft zu intensiv beschrieben. Manchmal sah ich einfach gar kein Licht mehr und war wütend auf Yanagihara. Warum musste ich das aushalten?!
    Aber jetzt lese ich diesen großartigen Satz bei dir und bin ein wenig versöhnt mit dem Buch:
    „… zwischen einer tiefen, einer schier bodenlosen Hoffnungslosigkeit, die in ‚Ein wenig Leben‘ absolut nachvollziehbar ist und einer ebenso starken, unwiderruflichen Hoffnung darauf, dass alles gut werden kann.“
    Schöne Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich würde mich eigentlich eher als zartbesaitete Leserin bezeichnen und kann normalerweise mit Gewaltbeschreibungen nicht viel anfangen, bzw. lese sie einfach nicht gern. Klar habe ich auch hier gedacht, wie hart das ist, wie sehr die Autorin den Finger in die Wunde legt. Komischerweise wäre ich aber gar nicht auf die Idee gekommen, Wut auf die Autorin zu empfinden, das ist ein interessanter Aspekt. Ich glaube aber auch, dass der Roman mich so sehr in seinen Bann gezogen hat, dass ich ihn gar nicht so sehr analytisch angegangen bin – ich war viel zu sehr mit der Geschichte beschäftigt. Und ich fand tatsächlich, dass die Hoffnung immer da war, auch wenn man ahnt, dass die Geschichte kein einfaches Happy End haben wird. Vielen Dank für Deinen Kommentar, es ist sehr spannend, wie das Buch bei anderen ankommt!

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      • Masuko13 schreibt:

        Dieses Buch wird ja insgesamt ganz unterschiedlich wahrgenommen, das finde ich auch sehr spannend!
        Beispielsweise habe ich mit Freundinnen gesprochen, die von Jude sprachen, als sei er eine reale Person. Das ist schon verrückt, wie sehr eine Romanfigur zu einem wirklichen Menschen werden kann. Ich hab die Geschichte mit sehr distanziertem Blick gelesen, dabei immer auch die Stimme der Autorin gehört.

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      • letteratura schreibt:

        Ich fand die Figuren auch sehr real, in einem für mich eher untypischen Maße. Ich war auch tatsächlich am Ende traurig, dass ich sie weiterziehen lassen musste. Würdest Du das Buch denn generell anderen weiterempfehlen?

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      • Masuko13 schreibt:

        Hm, ich war am Ende eher erleichtert. Habe dann viel mit Freundinnen geredet, mich schließlich versöhnt mit der Geschichte. Ich empfehle es gern. Weil ich immer auch denke, jeder liest anders. Es ist ganz sicher ein großes und wichtiges Buch! Und Vieles darin habe ich ja wirklich sehr gemocht.

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      • letteratura schreibt:

        Versöhnt sein ist schön! Ich bin jetzt auch neugierig, was von der Autorin noch kommen wird bzw. werde mir auch den ersten Roman mal genauer ansehen.

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