Jugendjahre – Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

ferrante-geschichte-neuen-namensElena und Lila, die beiden Mädchen, deren Kindheit im Roman „Meine geniale Freundin“ erzählt wurde, sind inzwischen 16 Jahre alt. Der vorherige Roman endete mit der Hochzeit Lilas mit dem Lebensmittelhändler Stefano Caracci, woran „Die Geschichte eines neuen Namens“ nahtlos anschließt. Lilas junge Ehe steht unter keinem guten Stern, noch auf der Hochzeitsfeier erfährt sie, dass Stefano sie hintergeht und schon in den Flitterwochen sieht sie eine neue, hässliche Seite des neuen Ehemannes.

Elena dagegen, die den kompletten Zyklus aus ihrer Perspektive erzählt, geht weiter zur Schule, die Lila schon Jahre zuvor beendet hatte, da kein Geld dafür da war. Der Lebensweg der beiden unterscheidet sich also beträchtlich: Während für Elena gute Noten wichtig sind und für sie eine wie auch immer geartete Karriere möglich ist (von der sie allerdings nicht weiß, wie diese aussehen könnte), ist Lila ganz Ehefrau, deren eigentliche Aufgabe vor allem darin besteht, schwanger zu werden, worauf alle ungeduldig warten.

Was im ersten Band schon durchschien, wird hier nun konkreter: Großes Thema zwischen den Mädchen und damit auch im Roman ist die Konkurrenz untereinander, auch wenn diese kaum je offen ausgesprochen wird. Die erzählende Elena fühlt sich permanent unzulänglich und glaubt, sowohl im Aussehen hinter der hübschen Freundin zurückzustehen, auf die die jungen Männer nur so fliegen, als auch intellektuell: Zwar ist sie diejenige, die weiter zur Schule geht und auch gute Noten erhält, trotzdem hält sie Lila eigentlich für die Bessere und Klügere von ihnen beiden.

Bereichernd ist, dass die erzählende Elena, die den Großteil ihres Lebens gelebt hat und die die Geschichte aus großer zeitlicher Distanz erzählt, diesmal im Gegensatz zum ersten Teil einige Male das Geschehen aus ebenjener Distanz kommentiert und einordnet, ab und zu auch leicht in der Geschichte vorausgreift, um Spannung zu erzeugen. Sie ist dabei gnadenlos ehrlich, auch mit und über sich selbst und auch dann, wenn sie schlechte, missgünstige Gedanken hat. Außerdem schafft Ferrante es wieder ganz wunderbar, den Leser hineinzuziehen in die Geschichte, das gesamte Geschehen, sodass man sich wiederum nach Neapel versetzt fühlt. Sie beobachtet ihre Protagonisten sehr genau, reflektiert ihre Beweggründe, so dass sie auch mal in schlechtem Licht dastehen, zumeist aber als schlüssige Charaktere erscheinen.

Trotzdem hatte ich meine Probleme mit „Die Geschichte eines neuen Namens“. So gerät der Mittelteil des Romans sehr lang. Zwar wird hier eine zentrale Entwicklung erzählt, Ferrante berichtet über die Geschehnisse aber immer ein wenig in Art einer Aufzählung, so dass der Spannungsbogen nicht immer erkennbar ist und die Geschichte hier recht ermüdend wird. Als Leser neigt man außerdem dazu, ganz mit der Erzählerin Elena mitzufühlen und mitzufiebern, und Lila steht hier teilweise in sehr schlechtem Licht da, ist schwer zu ertragen. Die Nachvollziehbarkeit ihres Handelns wurde mir erst später, dann auch rückblickend, wieder deutlicher.

Insgesamt gibt es in „Die Geschichte eines neuen Namens“ viele schwierige Charaktere, wobei auch deutlich wird, dass sie alle, die Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln, so wie auch die Frauen, die sich dies gefallen lassen und untereinander austeilen, Opfer ihres Milieus sind, aus dem man nur schwer ausbrechen kann. Dieses Dilemma fängt Ferrante sehr gut ein.

Sehr überzeugend vermittelt Ferrante auch im zweiten Band ihres Romanzyklus das Leben in den armen neapolitanischen Verhältnissen. Die frühe Heirat, die für die Mädchen an der Tagesordnung ist, die alltägliche Gewalt, die so normal ist, dass sie einfach hingenommen wird, das einfache Leben, aus dem man kaum ausbrechen kann. Elena und Lila wollen beide mehr als das und wählen unterschiedliche Wege, um ihr Ziel zu erreichen. Und obwohl man sich von Zeit zu Zeit fragt, ob das Verhältnis zwischen den beiden wirklich die so beschworene, enge Freundschaft sein kann, da sie sich doch einerseits manchmal so schlecht behandeln, gemein zueinander sind, und andererseits so vieles unausgesprochen bleibt, so wird all dies an anderen Stellen plötzlich wieder gewiss. „Die Geschichte eines neuen Namens“ ist ein würdiger zweiter Teil in Elena Ferrantes Tetralogie, wenn auch mit kleinen Schwächen. Und das Ende macht wie zuvor wieder sehr neugierig auf den nächsten Teil, der für Mai angekündigt ist.

www.elenaferrante.de

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens, Suhrkamp Verlag, 2017, 624 Seiten, 25 Euro

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4 Antworten zu Jugendjahre – Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

  1. literaturreich schreibt:

    Mit der Freundschaft zwischen den Beiden habe ich auch so meine Probleme. Soviel Neid, Missgunst, Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit und dann wieder so große Nähe und Zuneigung. Merkwürdig!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens – LiteraturReich

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