Der Welt entflohen – Markus Liske: Glücksschweine

gluecksschweine-liskeBerlin, Mitte der 90er Jahre: Max, sein bester Freund Marvin und dessen Bruder Micha sind in ihren späten Zwanzigern, studieren, lesen, wollen Intellektuelle sein, vielleicht Bücher schreiben, auf jeden Fall ein aufregendes, anregendes Leben führen. Max, der uns die Geschichte erzählt, war lange mit Nina zusammen und hat sich in Pebbles verliebt, weiß nicht, was er tun soll. Nina will ihn nicht verlieren, Pebbles will (oder kann) eigentlich gar keine Beziehung führen, und so flieht Max nach Kambodscha, in der Hoffnung, dort Antworten auf seine Fragen, eine Lösung für sein Liebeschaos zu finden. Dass Marvin sich in letzter Zeit immer seltsamer verhält, dass er Probleme, womöglich Depressionen hat, bemerkt Max nicht oder misst ihm nicht genug Bedeutung bei, zu sehr ist er mit sich selbst beschäftigt. Als er schließlich nach Berlin zurückkehrt, sind die Dinge nur scheinbar klarer als zuvor und es passiert eine Katastrophe. Max gerät in einen seltsamen Taumel, experimentiert mehr und mehr mit Drogen und driftet ab, bis die Realität sich mit seiner Welt im Rausch immer mehr vermischt und er Probleme bekommt, beides auseinander zu halten.

„Glücksschweine“, der Debütroman des 1967 geborenen Autors und Musikers Markus Liske, beginnt vielversprechend mit treffenden Schilderungen des Geistes der 90er Jahre und der Reise des Protagonisten Max nach Kambodscha, die sehr plastisch und intensiv erzählt wird und den Leser zunächst vollends nach Asien versetzt. Auch Max’ Rückkehr nach Berlin und die Geschehnisse, die ihm dort den Boden unter den Füßen wegziehen, ziehen in ihren Bann. Die Art und Weise, wie Liske uns all dies vermittelt, weiß zu fesseln. Max muss einen schweren Schlag verdauen und verarbeiten und wie er dies versucht, wie er weiterleben will und muss, wie sich ihm immer wieder bohrende Fragen nach dem Warum stellen, wie er den Tatsachen so hilflos und ohnmächtig gegenübersteht, das ist stark. Liske spricht die Gefühle nicht immer klar aus, sondern lässt sie den Leser wie nebenbei spüren, was seine Wirkung nicht verfehlt.

Leider aber zerfällt „Glücksschweine“ in zwei Teile, von denen mich der zweite nicht überzeugen konnte. Max gerät immer tiefer in seine Drogensucht, und damit werden auch seine Schilderungen wirrer und konfuser – dass er dies selbst erkennt und dem Leser gegenüber einräumt, hilft da nur bedingt. Viel zu lang dauern die Beschreibungen des Drogenkonsums, der Beliebigkeit auch in Bezug auf die Frauen, die im Roman zentrale oder weniger zentrale Rollen spielen. Vieles ist hier redundant und zeigt zwar Wichtiges für die Charakterisierung des Protagonisten auf und für die schleichende Verschlechterung seines Zustands, die Geschichte tritt aber zu sehr auf der Stelle, so dass man als Leser die kaum fortschreitende Handlung und vor allem die Entwicklung ihrer Hauptfigur ein wenig aus den Augen verliert.

Obwohl mich Liskes klarer Stil und die Art und Weise, wie sein Erzähler ohne Umschweife auf den Punkt kommt und zur Selbstreflektion ja durchaus in der Lage ist, überzeugt haben, ist dies dem Roman als Ganzes nicht gelungen. Zu sehr verliert sich die Geschichte in Exzessen, zu wirr werden die Geschehnisse und die Erläuterungen des Ich-Erzählers. Auf der einen Seite wird seine innere Not so sehr deutlich, auf der anderen braucht es irgendwann einfach keine weitere Drogeneskapade mehr. Letztendlich kann ich „Glücksschweine“ daher nur eingeschränkt weiter empfehlen.

Markus Liske: Glücksschweine, Verbrecher Verlag, 2016, 300 Seiten, 22 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s