Das Wichtigste ist die Freundschaft – Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

shotgun-lovesongsNickolas Butlers Roman „Shotgun Lovesongs“ erzählt von fünf Freunden aus dem Mittleren Westen in den USA, die sich seit ihrer Kindheit kennen und deren Lebenswege sie immer wieder einmal trennen und zusammenführen. Lee ist ein berühmter Musiker, der inzwischen sehr reich ist, der aber trotzdem seine Wurzeln nie vergisst. Henry und Beth sind schon seit einigen Jahren verheiratet, haben sich sehr jung füreinander entschieden, wenn es auch eine Zeit gab, in der es hätte anders kommen können. Kip heiratet zu Beginn des Romans und überwirft sich mit Lee, und Ronny ist seit einem Unfall gehandicapt, kann sich aber immer auf Lee und Henry verlassen.

Nickolas Butler lässt die Geschichte der Freunde reihum aus ihrer jeweiligen Sicht erzählen, was, wenn es gut gemacht ist, stets dazu beiträgt, dass ein Roman lebendig und interessant wird, da sich die Figuren gegenseitig aus verschiedenen Blickwinkeln charakterisieren und man als Leser stets mit neuen Aspekten konfrontiert wird, die oftmals auch die eigene Sicht ein wenig verschieben. Das ist auch hier der Fall. „Shotgun Lovesongs“ liest sich unterhaltsam, aber auch etwas zu glatt, es ist eine schnelle Lektüre, außerdem hält der Roman auch auf sprachlicher Ebene keine Finessen parat. Butler erzählt direkt und schnörkellos, was keinesfalls schlecht sein muss; leider passte die von mir etwas beliebig empfundene Sprache aber auch zu den teilweise banalen Gedanken und Erkenntnissen der Figuren, die oftmals als bedeutender hingestellt wurden, als sie es eigentlich waren.

Dabei sind die Charaktere recht gut ausgearbeitet, man sieht bei der Lektüre Menschen vor sich, die überzeugen und die es durchaus so geben könnte. Dennoch fehlt ihnen und somit dem ganzen Roman Tiefe, ja, leider habe ich die Geschichte zumindest teilweise als belanglos empfunden.

Wie Butler aber mit seiner Geschichte zeigt, dass Freundschaft das Wichtigste ist und dass es sich lohnt, um sie zu kämpfen, das hat mir sehr gefallen. Mit jenen, die man schon sehr lange kennt, mit denen man aufgewachsen ist, kann die Bindung sehr stark sein. Diese Freundschaften haben oft eine ganz besondere Qualität. Durch Leland, den berühmten Musiker, erfährt der Leser außerdem von der Bedeutung, die ein Ort haben kann und somit die eigenen Wurzeln, die Heimat, aus der man in die Welt hinausgezogen ist.

Letztendlich lässt mich „Shotgun Lovesongs“ zwiegespalten zurück: Die Charaktere, die auf der einen Seite zu überzeugen wissen, plappern andererseits zuweilen. Die wörtliche Rede ist dabei oft sehr umgangssprachlich und betont locker, was auf mich eher gezwungen und unecht wirkte.

Im Laufe des Romans geht die Geschichte immer mehr in eine Richtung und konzentriert sich auf einen einzigen Aspekt, so dass der Rest etwas in den Hintergrund rückt. Man kann sich natürlich dafür entscheiden, Schlaglichter zu werfen, ich aber hätte mir gewünscht, dass auch die anderen Figuren, die hier etwas kurz kommen, noch mehr Platz in der Geschichte erhalten hätten, dass ihr Leben noch etwas mehr ausgeleuchtet worden wäre. Wie immer ist das Geschmackssache.

So hat mich „Shotgun Lovesongs“ leider enttäuscht. Es gibt aber auch andere, sehr wohlwollende Meinungen zu Butlers Roman, wie zum Beispiel auf dem Feinen Buchstoff nachzulesen ist.

Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs, Klett-Cotta Verlag, 2013, 424 Seiten, 20 Euro, als Taschenbuch bei Heyne, 2015, 432 Seiten, 10,99 Euro

 

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3 Antworten zu Das Wichtigste ist die Freundschaft – Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

  1. Bri schreibt:

    Danke für den Hinweis auf die wohlwollenden Meinungen 😉 -ich finde das Buch nach wie vor klasse. Die Ktitik an der Sprache kann ich nicht nachvollziehen, handelt es sich doch auch um ganz „einfache“ Menschen des mittleren Westens … und wie Du richtig schreibst: Der Autor hat sich dazu entschlossen, Schlaglichter zu werfen … das mag man oder nicht, aber es ist eben die Entscheidung desjenigen, der schreibt. ich kann mich heute noch gut an das Buch erinnern und empfand die Atmosphäre als sehr schön. Mir hat nix gefehlt 😉 Aber manchmal ist das einfach so, dass ein Buch nicht passt. LG, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe nichts gegen einfache Menschen und auch nichts gegen einfache Sprache, hier fand ich sie aber teilweise gezwungen und unecht. Das hat sich dann zu einem Gesamtbild zusammengefügt, so dass es mir letztendlich einfach nicht gut gefallen hat. Es kamen einfach mehrere Aspekte zusammen, die mich alleine vermutlich nicht gestört hätten. Das mit den Schlaglichtern hat mir anderswo auch schon gut gefallen, aber gut, es war wohl einfach nicht mein Roman und da das eben nur meine subjektive Meinung ist, habe ich auf Deine ebenso subjektive Meinung gern verlinkt. 🙂

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  2. literaturreich schreibt:

    Eines der Bücher, das bei mir irgendwie in den weiten des SUB verschwunden ist. Aber ich denke, es gibt sicher auch mal eine Lesesituation, wo dieses Buch passt. Ich kann es jetzt zumindest besser verorten.

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