Vergangenheitsbewältigung – Christiane Neudecker: Nirgendwo sonst

nirgendwo-sonst-neudecker„In jedem guten Theaterstück findest Du Augenblicke, in denen die Tragödie ein gutes Ende hätte nehmen können, in denen der Komödie die Katastrophe droht.“ 3. Kapitel

Warum in Christiane Neudeckers Roman „Nirgendwo sonst“, der 2008 bei Luchterhand erschien, immer wieder die Regeln des Theaters auf das Leben übertragen werden, warum beides verglichen und zueinander in Beziehung gesetzt wird, das erfährt der Leser erst nach und nach. Eine Regisseurin ist es, die der namenlose Ich-Erzähler im Roman zitiert, eine Figur aus seiner Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die sich dem Leser im Laufe der Geschichte offenbart.

Zunächst einmal ist klar, besagter Mann befindet sich in Myanmar, hat dort eine junge Frau kennen gelernt, eine Dänin namens Sine, sie wurden ein Liebespaar, entwickelten ganz offenbar in kurzer Zeit sehr starke Gefühle füreinander, bevor es einen heftigen Streit gab. Sine warf dem Erzähler vor, unehrlich gewesen zu sein, ihr Vertrauen missbraucht zu haben – auch hier bleibt man als Leser vorerst im Dunkeln. Sine flieht, will mit ihm nichts mehr zu tun haben, der Erzähler will sich damit nicht abfinden und sucht sie, will ihr alles erklären, nicht hinnehmen, dass er sie schon wieder verloren haben soll, da er sie doch gerade erst gefunden hatte.

Er kam ursprünglich aus der DDR, hatte er Sine erzählt, kannte also ebenso wie die Burmesen ein totalitäres Regime, könne den Einheimischen Mut machen, meinte Sine, auch sie könnten sich irgendwann befreien. Als Leser betritt man mit diesen beiden ein Land, in dem der Tourismus erst in den letzten Jahren ins Rollen kam. Zur Zeit, als Neudeckers Roman spielt, in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, gab es kaum Touristen, es wurde genau darauf geachtet, was die Reisenden zu sehen bekamen, E-Mails in die und aus der Heimat mussten auf englisch sein, wurden gelesen und kontrolliert. Neudeckers Roman gibt immer wieder Einblicke in das Land und das Leben dort, was ihre Geschichte sehr bereichert.

Vor allem aber hält sie stets die Spannung aufrecht, wenn sie die Vergangenheit ihres Erzählers nur nach und nach entblättert. Ihr Stil ist eher geradeaus und keineswegs ausgeschmückt, vielmehr sparsam, und doch besteht kein Zweifel darüber, dass ihr Protagonist eine Geschichte hat, die ihn nicht ruhen lässt, so etwas wie eine Altlast, die in der Gegenwart und auf seiner Reise eine Rolle spielt. Es brodelt unter der Oberfläche.

„Nirgendwo sonst“ lässt sich lesen als Geschichte eines Mannes, der die Vergangenheit bewältigen muss, um eine Zukunft zu haben. Neudeckers Roman entführt auf unterhaltsame, intensive und berührende Weise nach Myanmar und gleichzeitig in die innere Welt ihres Protagonisten. Eine fein erzählte, emotionale Geschichte, die ihre Themen gekonnt miteinander verwebt und die Fäden nicht aus der Hand lässt.

Christiane Neudecker: Nirgendwo sonst, btb Taschenbuch, 2010, 272 Seiten, 9 Euro

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