Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden – Hanns-Josef Ortheil: Was ich liebe und was nicht

was-ich-liebe-ortheilHanns-Josef Ortheil beantwortet die Frage, die ich mir zu seinem neuestem Buch ebenfalls gestellt habe, gleich zu Beginn: Ein Buch über die Vorlieben eines Schriftstellers, über ganz alltägliche Dinge, wer sollte das lesen wollen und warum? Ortheils „Was ich liebe und was nicht“ versteht sich nicht als eitle Aufzählung eines Autors, der sich selbst so interessant findet, dass er der Meinung ist, allen anderen müsse es auch so gehen, vielmehr regt er den Leser an, selbst über sich nachzudenken, seine eigene Meinung, seine Vorlieben und Abneigungen mit denen Ortheils zu vergleichen. Genau dies ist es, was geschieht, wenn man das Buch liest und was die Lektüre kurzweilig und anregend macht.

Ortheil hat die wichtigen Bestandteile seines Lebens in Kapitel aufgegliedert. Da geht es ums Reisen, um Medien, Wohnen, Sport und Mode, aber auch und vor allem um Kunst, um das Schreiben und das Schriftstellerleben, um Philosophie und den Glauben. Ortheil ist ein gebildeter Mensch mit vielen Interessen. Er liebt Kunst und Museen, hat eine ganz eigene Art, ein Museum zu besuchen, er liebt auch Musik – fast wäre der Autor Pianist geworden.

Aufgelockert werden seine Aufzeichnungen durch Gespräche, nicht ganz klar, wie viele von ihnen nur seiner Phantasie entsprungen sind oder was davon sich vielleicht so zugetragen hat, zuweilen ist er hier sehr selbstironisch und witzig, wenn er zum Beispiel eine E-Mail imaginiert, die aus seinem Sekretariat an die Veranstalter einer Lesung mit ihm gesendet wird – und die selbstverständlich hinter seinem Rücken verschickt wird, nennt diese doch konkrete Anweisungen dazu, wie der Autor behandelt werden möchte. Der Intellektuelle mit Sonderwünschen? Zumindest schwer vorstellbar, dass er sich sehr divenhaft benimmt: Der Autor von „Was ich liebe und was nicht“ ist mir sehr sympathisch.

Es macht Spaß, Dinge zu finden, die man genauso liebt wie er, nachvollziehen zu können, was er etwa am Zugfahren liebt (das Lesen in Zeitschriften und verschiedenen Büchern, das Ankommen am Ziel als leicht veränderte Person) und dann wieder festzustellen, wo man anderer Meinung ist (Kalbsnieren essen? Das Alpenpanorma auf 3 Sat anschauen? Ernsthaft?).

Interessant ist auch die Beziehung zwischen Literatur und Musik, beides essentielle Bestandteile in Ortheils Leben. So er hört er beim Schreiben ganz bestimmte Musik und wir erfahren von dem Unterschied zwischen einem Konzertapplaus und einem Lesungsapplaus (noch nie habe ein Lesungsapplaus die Länge eines Konzertapplauses erreicht).

Nicht alle Kapitel aus Ortheils Buch haben mich gleichermaßen angesprochen, was nur natürlich ist. Auch ist es vermutlich hauptsächlich für Ortheil-Fans interessant. Ich habe in „Was ich liebe und was nicht“ den gleichen typischen Ton vorgefunden, der bisher jeden der Romane, die ich von ihm gelesen habe, ausgezeichnet hat: Eine positive, lebensbejahende Grundstimmung, die offenbar auch in seinem privaten Leben vorherrscht – zumindest lassen seine Aufzeichnungen das stark ahnen und hoffen und ich möchte es gern glauben.

Hanns-Josef Ortheil: Was ich liebe und was nicht, Luchterhand Verlag, 2016, 368 Seiten, 23 Euro

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