In Krankheit und in Krankheit – Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

foer-hier-bin-ich„In Krankheit und in Krankheit. Genau das wünsche ich dir. Suche oder erwarte keine Wunder. Wunder gibt es nicht. Nicht mehr. Und der Schmerz, der am meisten wehtut, kann nicht gelindert werden. Den Schmerz des anderen ernst zu nehmen und für ihn da zu sein – das ist das einzige Heilmittel.“ S. 332

Jacobs und Julias Hochzeit ist ungefähr 15 Jahre her, als die beiden sich noch einmal an die Worte Deborahs, Jacobs Mutter, erinnern. Ungewöhnliche Worte auf einer Hochzeitsfeier, mahnende, oder zumindest doch solche, die den beiden einen gesunden Realismus auf den Weg mitgeben wollen, die sie wappnen sollen. Gesundheit, so der Rückschluss, „Gesundheit“ gebe es eigentlich gar nicht.

15 Jahre später steckt die Ehe von Julia und Jacob dann trotzdem in einer tiefen Krise. Während der älteste Sohn Sam kurz vor seiner Bar Mizwa steht, auf die er eigentlich gar keine Lust hat, die aber stattfinden soll, „weil man das eben so tut“, während Jacobs Großvater hochbetagt in eine Seniorenresidenz umziehen soll, worauf dieser ebenfalls keine Lust hat und überlegt, sich stattdessen vielleicht lieber umzubringen und während auch die beiden jüngeren Söhne Max und Benji ihren Teil der elterlichen Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, stehen Jacob und Julia plötzlich vor der Frage, ob bei all der Liebe zu den Söhnen die Liebe füreinander auf der Strecke geblieben ist. Sam soll außerdem im Religionsunterricht ein paar „schlimme Wörter“ geschrieben haben, was er bestreitet – die Eltern können sich nicht einigen, ob sie dem Sohn Glauben schenken (sollen) oder nicht – ohne Geständnis und Entschuldigung steht die Bar Mizwa in Frage. Jacobs Cousin Tamir aber ist schon fast auf dem Weg in die USA, sein Teil der Familie lebt in Israel. Jacob versteht und definiert sich als Jude, gläubig ist er aber nicht.

„Hier bin ich“, der neue, sehr seitenstarke Roman von Jonathan Safran Foer, malt ein Bild von Jacob und seiner Familie, wobei Jacob stets im Mittelpunkt dieses Bildes steht, die Geschichte meist von ihm ausgeht. Es sind oft seine Gedanken, Gefühle, sein Leben, seine Zerrissenheit, seine Wünsche, die im Mittelpunkt stehen. Julia und er führen ein finanziell abgesichertes Leben, beide sind um die 40 und an einem Punkt angelangt, an dem sie sich fragen, ob sie mit dem, was sie erreicht haben, zufrieden sind. So weit, so normal. Mitten in diese Orientierungsphase, in der vor allem die Frage steht, ob Jacobs und Julias Ehe noch zu retten ist, passiert eine Katastrophe in Israel, die sie alle betrifft und die schließlich das Weltgeschehen und die Krise Julias und Jacobs miteinander in Verbindung bringt (wobei beides von Foer literarisch in Beziehung gesetzt wird, wenn die Ebenen sich spiegeln) und die womöglich entscheidend für ihr weiteres Leben ist.

Dass diese Figuren trotz der teilweisen Detailverliebtheit Foers immer ein wenig schwer zu fassen bleiben, ist sicher kein Zufall. Dass Jacob um die immer gleichen Fragen kreist, um das, was er erreicht hat und was er zu diesem Zeitpunkt erreicht haben wollte, um seine Söhne, vor allem, die er liebt und doch loslassen muss, während er nicht weiß, was er will, nicht zu einem Ergebnis kommt, das ist nur konsequent. Foers Roman ist für mich eine zwiespältige Leseerfahrung: Foer legt den Finger in die Wunde, entblättert das Innere seines Protagonisten gekonnt – trotzdem blieb dieser Jacob mir meist fremd und mit ihm seine gesamte Familie.

Die Frage, ob Romanfiguren sympathisch sein müssen oder sollen, wurde schon oft gestellt und (von mir) immer wieder verneint – dennoch ist es einfacher, in einen Roman zu versinken, wie es hier der Fall hätte sein können, wenn man als Leser in den Charakteren etwas findet, an dem man sich festhalten kann. Das hat oft etwas mit der von mir empfundenen Schlüssigkeit einer Figur zu tun, die hinterhältig und fies sein kann, also keinesfalls zwingend sympathisch sein muss, die aber immer etwas Menschliches braucht, etwas Ambivalentes, etwas, das mich zu ihr zieht und mich an ihrem Leben teilhaben lassen möchte. Gerade im Mittelteil von Foers Roman aber war mir das Schicksal seiner Figuren über weite Teile egal. Ich empfand sie als nervig und besserwisserisch, ja, als selbstgerecht und als anstrengend in ihrem Bewusstsein, immer allen anderen um eine Nasenlänge voraus zu sein. Geschmackssache, sicher, mir hat Foers Zeichnung seines Personals zumindest teilweise die Lektüre erschwert, es haben mir Nuancen gefehlt, die andere finden. Trotzdem ist „Hier bin ich“ ein guter Roman. Ein Roman, dem aber auch ab und zu ein wenig die Puste ausgeht, in dem sich der Erzähler manchmal kurz verzettelt, den man sicher etwas hätte straffen können.

Was Foer gut gelingt: Er zeichnet ein Bild davon, was es heißt, in heutiger Zeit ein Jude zu sein, er benennt die Unterschiede zwischen den (im Roman säkularen) amerikanischen Juden und denen, die in Israel leben. Vor allem macht er deutlich, dass die heutigen Juden wie die Deutschen von klein auf etwas mitbekommen: So wie wir mit der Schuld aufwachsen, mit dem Bewusstsein, „Täter“ oder doch zumindest Nachkommen von Tätern zu sein, so ist man als Jude stets Opfer. Hier wie dort – man kann nichts dagegen tun.

„Hier bin ich“ ist ein detailversessener Roman und Charakterstudie eines jüdischen Mannes in heutiger Zeit, manchmal ärgerlich, oft schmerzhaft treffend. Eine Lektüre, die sich für mich am Ende dann doch gelohnt hat.

„Ohne Liebe stirbt man. Mit Liebe stirbt man auch. Nicht jeder Tod ist gleich.“ S. 593

Weitere Besprechungen gibt es auf dem Feinen Buchstoff und bei Bookster HRO.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich, Kiepenheuer & Witsch, 2016, 688 Seiten, 26 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu In Krankheit und in Krankheit – Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

  1. Bri schreibt:

    seufz, ja ich wusste schon vorher, dass ich lesen muss – bin gespannt, Thursdaynext war ja sehr begeistert und ich befürchte fast, dass die „Aufteilung“ in begeisterte Leser und ja, war handwerklich gut, hat mich aber nicht mitgenommen, zahlenmäßig so ausfallen wird, wie bei Sozusagen Paris, nur dass Ralf und Du da die begeisterten Leser waren 😉 Schöne Besprechung!

    Gefällt 2 Personen

  2. literaturreich schreibt:

    Genau die von dir angesprochenen Kritikpunkte, sprich vor allem die Charaktere, habe ich jetzt schon öfter gelesen. Bin gespannt, denn seit ich mir vorgestern Karten für die Foer Veranstaltung im Rahmen der Litcologne besorgt habe, muss ich das Buch ja auf jeden Fall lesen.

    Gefällt 2 Personen

  3. thursdaynext schreibt:

    Ahh, du hast dieses wunderbare Zitat drin. Ich liebe es 🙂 Auch die detailversessenheit, die Möglichkeit zum Schwelgen, die einem Foer damit ermöglicht. Und ja, der Vergleich mit Deuteschen und Juden den hatte ich so nicht für mich ausgesprochen obwohl er zu erlesen war.
    Jeder nimmt eine etwas andere Sichtweise auf den Roman mit und ein und das empfinde ich als sehr spannend. Danke für diese schöne Besprechung.

    Gefällt 1 Person

  4. letteratura schreibt:

    Welches Zitat meinst Du? Das stimmt, ich finde das auch immer sehr spannend und bereichernd, zu sehen, wie unterschiedlich der gleiche Roman manchmal aufgenommen wird. Ich kann Deine Begeisterung schon auch nachvollziehen, aber wie ich schon schrieb, teilweise empfand ich es schon auch zäh, weil mir die Figuren fremd blieben.

    Gefällt mir

  5. ralfreitze schreibt:

    Eine schöne Rezension! Mir sind die Figuren nicht fremdgeblieben, Jacob hatte viele Eigenschaften die ich nachvollziehen konnte. Deine zwiespältigen Erfahrungen zu dem Roman kann ich aber teilen, mich hat eher diese auf die Spitze getriebene Diskussionssucht der Figuren rasend gemacht. Wie Foer aber in dem Buch schrieb ist es wohl eine Eigenart der Juden, was ich aber ehrlich gesagt nicht weiß, da ich zu wenig kenne. Insgesamt aber eine klare Leseempfehlung, auch von mir.

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich – LiteraturReich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s