Wie ein Kostümfilm – Patricia Duncker: Sophie und die Sibylle

duncker-sophie-und-die-sibylleTatsächlich war gerade zu Beginn meiner Lektüre von Patricia Dunckers neuem Roman „Sophie und die Sibylle“ die Assoziation sehr stark: Ich sah vor meinen Augen einen Kostümfilm ablaufen, rauschende Kleider aus viel Stoff, prunkvolle Salons in verschwenderischer Ausstattung, in der sich Figuren tummelten, getrieben von Zuneigung, Eifersucht oder Misstrauen. Obwohl sich das Bild dann im Laufe der Lektüre ein wenig wandelte, zeigt es doch, dass es der Autorin durchaus gelungen ist, einen viktorianischen (oder wie es an anderer Stelle heißt einen neoviktorianischen) Roman zu schreiben.

Im Titel werden gleich die beiden Frauen genannt, um die sich das Geschehen dreht: Die Sibylle ist in Wirklichkeit die große Schriftstellerin George Eliot, die sich zeitlebens immer wieder neue Namen gab und deren eigentlicher Name im vorliegenden Roman erst gegen Ende überhaupt Erwähnung findet. Sie lebt mit George Henry Lewes zusammen und nennt sich folglich Mrs. Lewes, die beiden sind aber nicht verheiratet. Ein Skandal. Und so verkehren nur diejenigen mit der Schriftstellerin, die es sich entweder leisten können, da ihre gesellschaftliche und finanzielle Stellung ihnen freie Hand lassen oder denen ihr Ruf einfach egal ist. Andererseits wird die Sibylle verehrt und geliebt, ihre Bücher sind Bestseller, sie hat viele Bewunderer, Frauen und Männer gleichermaßen, und die Bewunderung bezieht sich sowohl auf sie selbst, als auch auf ihr Werk.

„Die Dame ist alt. Die Dame ist hässlich. Die Dame hat wunderbare Augen.“ S. 16

Auch der junge Verleger Max, der mit seinem Bruder den Verlag Duncker & Duncker führt, ist fasziniert vom Charme der alten Frau, als er mit ihr zusammenkommt, um die Übersetzungsrechte des zweiten Teils ihres Romans „Middlemarch“ zu erwerben. Heiraten soll Max die junge Sophie von Hahn, die er seit Kindertagen kennt, eine selbstbewusste junge Gräfin, die Mrs. Lewes verehrt und all ihre Bücher gelesen hat und die sie unbedingt kennenlernen will. Natürlich gehört sich das nicht, doch Sophie hat einen Dickkopf und lässt sich nicht so leicht von etwas abbringen, das sie sich vorgenommen hat. Sie versucht, mit der Sibylle Kontakt aufzunehmen, ein Versuch mit unvorhergesehenen Folgen.

„Sophie und die Sibylle“ liest sich als vergnügliche Komödie, die aber auch ernste Seiten zu bieten hat. Von Zeit zu Zeit tritt die Erzählerin der Geschichte hervor, kommentiert das Geschehen, analysiert kurz und treffend ihre Protagonisten, ja, scheint sie selbst wie auf einer Theaterbühne hin- und her zu schieben. Obwohl die Figuren dadurch von Zeit zu Zeit wie von außen gesteuert wirken, obwohl sie immer nur so weit charakterisiert werden, wie es für die Geschichte nötig ist und sie dadurch zuweilen ein wenig eindimensional und stereotyp wirken, liest sich das sehr reizvoll und charmant. Es ist immer ein wenig eine Zurschaustellung von Ursache und Wirkung, es zeigt auf, wie sehr diese Figuren, allen voran die schnell aufbrausende junge Sophie, von ihren Gefühlen übermannt und zu unüberlegten Handlungen gezwungen werden. Und schon sieht man keinen Kostümfilm mehr, sondern eine Komödie im Theater.

Im Nachwort schreibt Patricia Duncker von ihrer Verehrung für die Autorin George Eliot und dem Zufall der Namensgleichung ihrer damaligen Verleger und Duncker selbst, die ihr Ausgangspunkt für die Geschichte war. Duncker hat das Werk George Eliots über viele Jahre wieder und wieder gelesen und ausgiebig studiert und ihr in ihrem Roman ein Denkmal gesetzt.

George Eliot war, das zeigt sich in „Sophie und die Sibylle“ ganz deutlich, eine starke Frau, die sich genommen hat, was sie wollte und sich über die gesellschaftlichen Gepflogenheiten hinweggesetzte. Eine gebildete Frau, die sich mit Kunst und Philosophie auseinandergesetzt hat – auch das Christentum und die aufkommende Bewegung des Atheismus im 19. Jahrhundert sind daher Thema und geben dem Roman so noch eine weitere, gewinnbringende Ebene.

„Sophie und die Sibylle“ ist eine gelungene Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Eine Komödie mit tragischen Einsprengseln und eine gelungene Annäherung an George Eliot und die Zeit, in der sie lebte.

Patricia Duncker: Sophie und die Sibylle, Berlin Verlag, 2016, 384 Seiten, 22 Euro

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7 Antworten zu Wie ein Kostümfilm – Patricia Duncker: Sophie und die Sibylle

  1. thursdaynext schreibt:

    Klingt sehr interessant *seufz*

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  2. Bri schreibt:

    Oh Patricia Duncker ist eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen – Die Germanistin – ihr Debüt hat mich damals umgehauen. Danke fürs aufmerksam machen!!

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  3. marinabuettner schreibt:

    Hier kommt noch ein Duncker-Fan!
    Danke für die Besprechung, der Roman liegt schon hier, ich freu mich aufs Lesen …

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  4. literaturreich schreibt:

    Klingt sehr interessant. Ich kenne die Autorin noch gar nicht.

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