Was ist Heimat? – Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

Grjasnowa_23854_MR2.inddOlga Grjasnowa, so ist in einem Artikel auf Zeit Online von 2012 kurz vor Erscheinen ihres hier besprochenen Debütromans zu lesen, ist eine ungeheuer präsente Person. Genau wie ihre Hauptfigur in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, so mein erster Gedanke, die junge Mascha, die der Leser in der Geschichte ein Stück in ihrem Leben begleitet.

Mascha ist als Kind mit ihren Eltern aus Aserbaidschan geflohen. Der Krieg hat Spuren hinterlassen, die sie nicht abschütteln kann, die Bilder verfolgen sie auch noch Jahre später. In Deutschland hat sie schnell gelernt, dass man ihr als Ausländerin von vornherein weniger zutraut und dass dies umso mehr gilt, wenn man die Sprache nicht oder (noch) nicht fließend spricht. Mascha beißt sich durch, lernt schnell Deutsch und weitere Sprachen, wird schließlich Dolmetscherin. Die Kenntnis der Sprachen öffnet ihr Wege, macht ihr die Welt zugänglicher, eine Welt, in der Mascha ohnehin keine wirkliche Heimat hat. Sie hat einen deutschen Pass, ist mit einem Deutschen zusammen, mit einem Türken befreundet und war mit einem Libanesen liiert, eine Beziehung, die immer noch nachwirkt. Sie ist Jüdin, aber nicht religiös. Eigentlich will sie gerade beruflich richtig durchstarten und bei den UN anfangen, doch es kommt anders. Mascha macht sich auf so etwas wie eine Suche nach sich selbst und nach ihrer Identität.

Ich habe Grjasnowas Roman gelesen, ohne viel über den Inhalt zu wissen. Oft erschienen mir die Möglichkeiten vielfältig, wie die Geschichte sich hätte weiter entwickeln können, nie habe ich den Fortgang der Handlung als vorhersehbar empfunden. Das Buch hat mich gepackt und berührt, teilweise atemlos habe ich weiterlesen müssen, musste unbedingt wissen, wie es mit der Protagonistin weitergeht. Zur Handlung möchte ich daher nicht viel verraten, war es für mich doch ein großer Reiz, unbedarft an die Lektüre heranzugehen.

Der Roman lebt von seiner Hauptfigur: Mascha ist eine starke, eigensinnige junge Frau, die gelernt hat, allein zurechtzukommen, die sich auf keinen Fall jemandem aufdrängen oder unterordnen will, obwohl sie sich andererseits danach sehnt, schwach sein zu dürfen. Ihre Erfahrungen haben sie sehr geprägt, die Erkenntnis, dass es für sie immer ein wenig schwerer war, als für andere, dass sie immer anders behandelt wurde und wird. All dies hat sie nicht kapitulieren lassen, sondern hat eher eine trotzige Jetz-erst-recht-Haltung zur Folge. Grjasnowa ist mit dieser Mascha eine authentische, starke Figur gelungen, eine mit Widersprüchen, mit Schwächen, eine aus Fleisch und Blut.

Die Geschichte kennt kein Innehalten. Wie atemlos folgt der Leser Mascha durch ihr Leben und auch um die Welt, wenn sie schließlich einen Job in Israel annimmt. Grjasnowas Sprache ist direkt und geradeheraus, hier wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Da Mascha selbst die Geschichte erzählt, ist man immer ganz bei ihr und könnte nicht tiefer in das Geschehen eintauchen.

Der Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ weckte zunächst gänzlich andere Assoziationen bei mir, als letztlich im Roman zum Thema wurden. Es ist ein Satz, der stellvertretend für die vielen Klischees steht, in denen wir denken – obwohl wir es oftmals gar nicht wollen. Klischees, denen sich Mascha täglich ausgesetzt fühlt. Olga Grjasnowas Debüt ist stark, trotzig, eigensinnig und macht Lust auf das, was von der Autorin noch zu lesen sein wird. Bei Binge Reader war gerade in einer Kurzbesprechung ihr zweiter Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ Thema, Grjasnowas dritter Roman „Gott ist nicht schüchtern“ ist für März 2017 im Aufbau Verlag angekündigt.

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt, Hanser Verlag, 2012, 288 Seiten, 18,90 Euro, als Taschenbuch: dtv, 2013, 288 Seiten, 9,90 Euro

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4 Antworten zu Was ist Heimat? – Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

  1. literaturreich schreibt:

    Auch einer der Romane, die schon lange auf meinem reader schlummern…

    Gefällt mir

  2. dj7o9 schreibt:

    Danke für die Verlinkung 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Dem Leid ein Gesicht geben – Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern | letteratura

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