Reise in die Vergangenheit – Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

jaeger-schuld-feuer„Und jetzt fährt dieser Winter mit seiner eisigen Hand in diesen Teil des Dorfes hinein, der doch so weit weg ist von den steilen Hängen.“ S. 324

John Miller ist ein alter Mann um die 80, der vor vielen Jahren von Österreich aus in die USA emigriert ist und dort ein zufriedenes Leben mit seiner Frau Rosalind hatte. 12 Jahre ist es inzwischen her, seit sie starb. Nun entschließt Miller sich, eine letzte Reise in die alte Heimat zu unternehmen. Eine Woche wird er in Tirol verbringen, wo in den 50er Jahren sein Cousin Max Schreiber unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Schreiber war Historiker, lebte zuvor in Wien und kam in ein kleines Tiroler Bergdorf, um dort eine alte Geschichte aus dem 19. Jahrhundert zu recherchieren, als eine Frau unter mysteriösen Umständen starb. Es ist sein Schreibers Manuskript, das Miller liest.

Schreiber wird zunächst misstrauisch beäugt. Als Akademiker, der noch dazu in den alten Geschichten des Dorfs wühlen will, ist er den Einwohnern ein Dorn im Auge. Es dauert seine Zeit, bis es ihm dann doch gelingt, Zugang zu finden, Bekanntschaften zu schließen, die vielleicht auch im ein oder anderen Fall zu einer Freundschaft hätten werden können. Doch die Dinge ändern sich, als eine junge, stumme Frau ins Spiel kommt, von der Schreiber fasziniert ist. Schließlich bricht der Winter mit voller Wucht über das Dorf herein und keiner weiß, wie gefährlich die Lage wirklich ist.

In Gerhard Jägers Roman „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ sind die Kapitel, die Schreibers Manuskript umfasst, mit eben diesen Worten überschrieben. Das ist schlüssig und passend. Der Titel verspricht Dramatik, und die hat die Geschichte auch zu bieten. Zwischen den einzelnen Kapiteln des Manuskripts, das der Leser mit dem alten John Miller mitliest, finden sich die Schilderungen des Alten, sowohl zu seiner Recherchereise, auf der er sich gerade befindet, als auch zu Erinnerungen an seine verstorbene Frau. Vor allem in den Romanpassagen des Manuskripts ist die Sprache sehr bildreich und ausschmückend, sind die Sätze lang und verschachtelt, dabei ist Jägers Stil aber auch sehr pointiert und durchdacht – jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle. Im Laufe der Geschichte aber, vor allem in der zweiten Hälfte des Romans, geraten diese Ausschmückungen oftmals ein wenig zu lang. Um etwas zu betonen, wird es hier gern in anderen Worten wiederholt. Das kann bekräftigend wirken, den Leser aber auch ungeduldig machen, der doch gerade, wenn die Geschichte an Fahrt aufnimmt, wissen möchte, wie es weitergeht.

Was Jäger sehr gut gelingt, ist die Abbildung des Dorfes in den 50er Jahren: Die Atmosphäre dort, die einfachen Menschen, die mit den Händen arbeiten, die Gemeinschaft, in der es ungeschriebene Regeln und Gesetze gibt, die Schreiber, der Außenseiter, erst lernen muss. Schreiber, der ein „Studierter“ ist, was den Menschen im Dorf erst einmal höchst suspekt ist. Und über den natürlich viel geredet wird, ab dem Moment, in dem sich herumspricht, dass er da ist.

Vor allem ist der Roman eine Charakterstudie des jungen Schreibers, die dieser in seinem Manuskript selbst abgibt. Einerseits ist diese Selbstreflexion und die scharfsinnige Analyse seiner selbst fesselnd zu lesen, andererseits ist es auch hier so, dass der junge Mann sich oftmals wiederholt. Der Lesefluss gerät so immer wieder ins Stocken.

„Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ist ein Roman, auf dessen Tempo man sich einlassen muss. Wer mit einem ausufernden, durchaus auch poetischen Stil Probleme hat, wird an der Geschichte wohl keine Freude finden. Ich war bei der Lektüre hin- und hergerissen. Einerseits hat mir der Stil Jägers sehr gefallen, andererseits empfand ich gerade in der zweiten Hälfte des Romans deutliche Redundanzen. Zudem gelingt ihm nicht jede Wendung schlüssig und glaubwürdig.

Gerhard Jägers Roman ist eine Reise in eine andere Zeit und eine andere Welt. Über die Suche eines Mannes gegen Ende seines Lebens nach einer alten Wahrheit. Ein eindringlicher Blick in eine archaische Welt und eine gut geschriebene, atmosphärische Geschichte mit kleinen Mängeln.

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod, Blessing Verlag, 2016, 400 Seiten, 22,99 Euro

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