Italienische Reise – Jan Brandt: Tod in Turin

brandt-tod-in-turin„Roman“ steht nicht drauf. „Tod in Turin“ von Jan Brandt trägt gar keine Gattungsbezeichnung, lediglich der Titel prangt auf dem Buchumschlag. Das Taschenbuch, das ich gelesen habe, besteht aus einem herausklappbaren Innenumschlag, der sich so weit auseinanderfalten lässt, dass neben einem Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, auf dem „Goethe in der römischen Campagna“ zu sehen ist, ein noch größeres Bild sichtbar wird, das der Comiczeichner (und Grundschullehrer, wie zu lesen ist) Tom Smith gezeichnet hat: Jan Brandt in ähnlicher Pose wie Goethe, vor den Toren der Fiatstadt Turin.

Dieser Tom Smith tritt in Brandts Bericht (oder was auch immer es ist, was wir hier lesen) selbst in Erscheinung, als Mitbewohner des Autors, zu der Zeit, zu der dieser sich in London aufhält. Brandt stand mit seinem Debütroman „Gegen die Welt“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011, der Preis ging damals an den Wenderoman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge. „Tod in Turin“ setzt danach ein. Nachdem es nach der Preisverleihung wieder ruhiger wird und Brandt vor dem Problem steht, nicht recht zu wissen, was nun kommen soll, er Probleme damit hat, weiter zu schreiben, erreicht ihn eine Einladung zur Buchmesse in Turin, wo er sein Buch vorstellen soll, das auf Italienisch herauskommen wird.

„Tod in Turin“ liest sich hauptsächlich als Tagebuch dieser Tage in Turin, wobei nie so ganz klar ist, wie viel von dem, was wir da lesen, so passiert ist. Ist am Ende alles oder fast alles erfunden? Oder hat sich das Meiste so zugetragen? Vielleicht ist die Frage gar nicht so wichtig, da man viel über den Literaturbetrieb, vor allem über den italienischen, erfährt, über das Leben eines Schriftstellers, aber auch über ganz andere, profane Dinge. Brandt hat akribisch recherchiert und ist ganz offenbar ein Liebhaber von teilweise sehr ausführlichen Fußnoten, in denen dann kaum eine Frage offen bleibt. Die Lektüre dieser Fußnoten voll von mal mehr, mal weniger nützlichem Wissen, Fußnoten, die das, was gerade Thema ist, immer noch weiter ausschmücken, ihm immer noch eine weitere Nuance geben, habe ich sehr genossen.

So geht es einerseits um italienische Verlage, Schriftsteller, Mitarbeiter des Verlagswesens, dann aber schreibt Brandt in aller Ausführlichkeit zum Beispiel über ein italienisches Einkaufsparadies namens Eataly, über Fahrstuhlfahrten, die der Autor immer weiter auszudehnen sich gezwungen sieht, bis er die „10 Gebote“ des Hotelkonzerns alle gelesen und verinnerlicht hat. Jan Brandt ist offenbar ein Pedant, beißt sich fest in Kleinigkeiten, will es ganz genau wissen. Fast immer sind seine Ausführungen dabei unterhaltsam und interessant. Brandts Selbstironie trägt dazu bei, dass man mit ihm zusammen über ihn lachen oder zumindest schmunzeln kann. Einige wenige Stellen waren mir zu ausufernd, ein paar Witze zu gewollt, dies ist aber zu vernachlässigen.

Vielleicht stimmt es ja, wie gegen Ende zu lesen ist, dass nur oder sogar (je nach Betrachtungsweise) ungefähr die Hälfte dessen, was Brandt uns erzählt, der Wahrheit entspricht. Dass wir es nicht wissen, macht denn auch einen gewissen Reiz aus. „Tod in Turin“ ist etwas ganz anderes als es „Gegen die Welt“ war, sein Debütroman, auf den auch in diesem Buch immer wieder Bezug genommen wird. Brandts Erzählungen „Stadt ohne Engel“ sind gerade erschienen und nach „Tod in Turin“ freue ich mich auf sie nun umso mehr. Und auf alles, was da noch kommen mag von Jan Brandt, der seine Schreibblockade nun hoffentlich überwunden hat.

Jan Brandt: Tod in Turin, Dumont Verlag, 2015, 300 Seiten, 19,99 Euro, als Taschenbuch mit aufklappbarem Wickelfalzumschlag: Dumont Verlag 2016, 304 Seiten, 10,99 Euro

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