Schuld und Erlösung – Louise Erdrich: Ein Lied für die Geister

edrich-lied-fuer-die-geisterEs ist ein Versehen, aber ein sehr tragisches: Landreaux verfehlt bei der Jagd den Hirsch, auf den er angelegt hatte, und trifft stattdessen Dusty, den 5-jährigen Sohn der Nachbarn. Dusty stirbt. Er hinterlässt seine Eltern Nola und Peter, sie psychisch labil und kaum fähig, den Verlust des Sohnes zu begreifen und zu verkraften, ihn, der versucht, irgendwie weiterzuleben. Die 9-jährige Schwester Maggie ist ein schwieriges Kind, für das die Eltern nun keinen Kopf mehr haben. Landreaux und seine Frau Emmaline entscheiden sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: In einem Fall wie diesem gibt es eine alte Tradition, die besagt, dass die Familie nun den eigenen Sohn in die Obhut der anderen Familie geben solle. So bringt Landreaux seinen jüngsten Sohn LaRose zu den Nachbarn, damit dieser dort aufwächst.

„Bevor sie im letzten Herbst LaRose zu den Raviches brachten, hatten Landreaux und Emmaline seinen Namen ausgesprochen. […] Dieser Name würde ihn vor dem Unbekannten schützen, vor dem, was mit dem Unfall auf sie alle losgelassen worden war. Wenn das Chaos, das Unheil in die Welt kommt, pflanzt es sich immer weiter und weiter fort. Selten bleibt es bei nur einem Unglücksfall. Das wissen die Indianer.“ S. 127

In Louise Erdrichs neuem Roman „Ein Lied für die Geister“ entspinnt sich eine prall gefüllte Geschichte rund um die beiden Familien, die durch den tragischen Tod des kleinen Dusty untrennbar miteinander verbunden sind. Alle versuchen mit mehr oder weniger Erfolg, mit der Situation umzugehen: Landreaux mit der Schuld, die er auf sich geladen hat, Nola und Peter mit der sie verzehrenden Trauer um das eigene Kind und der Wut auf Landreaux, Emmaline mit der Entscheidung, LaRose in die Nachbarsfamilie zu geben. LaRose ist ein besonderes Kind, das sich mit der Zeit in der neuen Situation zurechtfindet und sich schließlich als Mitglied von zwei Familien fühlt. Ein Junge, der sehr geliebt wird und der vielleicht sogar die Gabe hat, die Familien wieder ein Stück weit zueinander finden zu lassen.

Erdrichs Roman ist aber weit weniger zentriert, als es der Klappentext und diese Inhaltsangabe suggerieren. So ist der kleine LaRose der bisher letzte Nachkomme einer Reihe von Ahnen mit dem gleichen Namen, und er ist der erste Junge unter ihnen. „Ein Lied für die Geister“ führt auch uns zurück zur ersten LaRose und ihrem Leben. Und natürlich gibt es auch immer wieder die alten Indianermythen, den Glauben an Geister, die in der Geschichte gegenwärtig sind und sie zu etwas ganz Besonderem machen.

Zudem sind es noch einige Figuren mehr, über die Erdrich schreibt, so dass nach und nach ein Panorama dieses Ortes entsteht, der Menschen, die dort leben, der Art und Weise, wie sich die amerikanische Modernität und die alten Mythen der Indianer miteinander vermengen. Diese werden immer wieder eingeflochten, nicht nur, wenn es um längst vergangene Zeiten geht. Die anderen Kinder der beiden Familien um LaRose wachsen heran. Und es gibt einen Mann aus der Vergangenheit Landreaux’, der eine alte Geschichte nicht ruhen lassen kann und will.

Louise Erdrich schreibt in ihrem charakteristischen, ein wenig nüchternen, sehr klaren Stil, der mich schon in „Das Haus des Windes“ überzeugt hat. Oftmals spricht sie Gefühle nicht direkt an bzw. aus, sondern vermittelt das, was sich nicht leicht benennen lässt, nebenbei. Sehr sparsam dosiert und dadurch zumeist mit Wucht treffend bringt sie starke Bilder, die aus der sonst so schnörkellosen Sprache herausstechen.

„Peter steckte Kerzen an, holte eine Flasche Sekt und legte Holzscheite nach. Er ließ die perlende Flüssigkeit behutsam erst in Nolas Sektkelch fließen und dann in seinen. Schweigend stießen sie an. Nola strich sich die losen blonden Locken aus dem Gesicht. Beim Trinken blickten sie einander in die Augen und sahen Fremde die beiden Körper bewohnen, die einmal ihren Sohn gezeugt hatten.“ S. 74

Gerade Erdrichs Sprache ist es, auf die ich mich zunächst ein Stück weit einlassen musste. Doch „Ein Lied für die Geister“ ist eine überzeugende, auch lehrreiche Geschichte, in der das Magische als natürlich vorausgesetzt wird, was einen speziellen Reiz hat. Erdrich ist eine ganz besondere Autorin mit großem Gespür für ihre Figuren und einem ganz eigenen Ton. Ein eindringlicher, lesenswerter Roman.

Louise Erdrich: Ein Lied für die Geister, Aufbau Verlag, 2016, 444 Seiten, 21,95 Euro

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6 Antworten zu Schuld und Erlösung – Louise Erdrich: Ein Lied für die Geister

  1. thursdaynext schreibt:

    Mit Louise Erdrichs Stil bin ich bisher nie klargekommen. Wäre die Geschichte nicht so furchtbar würde ich es nach dieser Besprechung glatt versuchen. Ihr soziokultureller Background eröffnet durchaus faszinierende Welten und Gedanken. Ich weiß es spricht sehr gegen meinen Charakter, aber das Verzeihen eines solchen „Fehlschusses“ ist für mich als Mutter einfach nicht vorstellbar.

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    • letteratura schreibt:

      Ich glaube nicht, dass das gegen Deinen Charakter spricht, ich glaube eher, dass das eine ganz normale Empfindung ist. Und genau das, der Umstand, dass man so etwas weder verzeihen, noch wirklich damit zurechtkommen kann, kommt im Roman auch gut heraus, da wird nichts auf die leichte Schulter genommen, und auch die alten Traditionen können darüber kaum hinwegtäuschen. Erdrichs Stil finde ich auch gewöhnungsbedürftig, ich habe auch (wieder) ein wenig mit ihm gehadert, aber am Ende finde ich doch, dass sich die Lektüre gelohnt hat, weil sie unverwechselbar ist und sie mir die Welt der Indianer wieder ein kleines Stück näher gebracht hat.

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      • thursdaynext schreibt:

        Ich hatte, ausgehend von der Kindheit eine lange andauernde Indianerphase. Man kann viel von ihnen lernen, so grausam und brutal ihr sich immer noch hinziehender Untergang auch ist. Diese Art zu denken ist bereichernd. Aber wie du sagst, sehr harte Kost.

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  2. dj7o9 schreibt:

    Ich bin recht zufällig auf Louise Erdrich gestossen, als ich beim Backpacken in Asien in einer Unterkunft „Tales of Burning Love“ in die Hände bekam. Das hat mir damals sehr gut gefallen und ich könnte mir durchaus vorstellen noch etwas von ihr zu lesen… Danke für die Erinnerung 🙂

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