Was wäre wenn? – Ian McEwan: Nussschale

pressebild_nussschalediogenes-verlag_72dpiWas wäre, wenn man nicht völlig unwissend und unbedarft auf die Welt käme? Wenn der Punkt Null nicht durch die Geburt markiert, sondern vorher erreicht wäre, irgendwann im Mutterleib, wenn sich das Bewusstsein des Ungeborenen gebildet hat, wie auch immer man dieses definieren würde? Es ist dieser Gedanke, mit dem Ian McEwan in seinem neuen Roman „Nussschale“ spielt und den er dann noch weiter ausschmückt: Das Ungeborene, offenbar ein Junge, wird Zeuge eines teuflischen Plans, den seine Mutter Trudy und ihr Liebhaber Claude aushecken. Trudy ist verheiratet und der Ehemann ist dem Paar ein Dorn im Auge. Sie beschließen, dass er weg muss und zwar endgültig. Da es sich dabei um den leiblichen Vater des Fötus handelt, würde dieser das Vorhaben seiner Mutter gern vereiteln – möglich ist das natürlich nicht. Und so kann das Ungeborene nicht viel mehr tun, als alles zu beobachten und sich seine Gedanken dazu machen.

Für das Problem, dass ein ungeborenes Kind nichts von der Welt weiß und wissen kann, hat McEwan eine pfiffige Lösung parat: Wann immer Trudy sich während der Schwangerschaft langweilt, hört sie Radio und vor allem Podcasts zu allen nur möglichen Themen. Der Fötus hört alles mit und hat sich dadurch ein umfassendes Wissen zu der Welt, die er noch nie gesehen hat, aufgebaut. Und er ist ein intelligentes, scharfsinniges Geschöpf, macht sich kluge, zuweilen philosophische Gedanken, hat die Welt schon vor seiner Geburt quasi durchschaut. Ein cleveres Wesen, das McEwan geschaffen hat, das zudem besserwisserische Züge an sich hat, die einem schon mal auf die Nerven gehen können (und wohl auch sollen). Er kann die Gefühle seiner Mutter problemlos deuten, fühlt sie mit. Und konsumiert schon im Mutterleib durch sie so viel Alkohol, dass er irgendwann beginnt, mehr davon zu wollen. Dass in „Nussschale“ nichts, was den Fötus angeht, realistisch ist, dass bei genauerem Hinsehen womöglich auch einige Fragen offen bleiben zu dem, was er sich zusammenreimt, darüber muss man hinwegsehen. Doch der Autor macht es einem leicht, man stellt sich solche Fragen gar nicht erst, denn sein Erzähler ist äußerst unterhaltsam. So sinniert er über den Zusammenhang der Begriffe Liebe und Tod:

„Von meiner Warte aus kann es indes keine zwei Begriffe geben, die in Bezug aufeinander irrelevanter sind. Die Toten lieben nichts und niemanden. Bin ich erst draußen, werde ich mich vielleicht an eine entsprechende Abhandlung wagen. Die Welt braucht dringend junge Empiristen mit frischem Blick.“ S. 140

Er muss feststellen, dass das Band zu seiner Mutter ein undurchdringliches ist. Nur durch sie lebt er, ist abhängig von ihr, und auch wenn ihre Mutterliebe offenbar zu wünschen übrig lässt, liebt er sie, obwohl sie Schreckliches mit seinem Vater vorhat. Seine zwiespältigen Gefühle ihr gegenüber thematisiert er immer wieder. Für Claude, den Liebhaber, hat der Fötus nur Verachtung übrig. Mehrfach stellt er fest, dass dieser einfach nur blöd und einfältig ist. Wieso hat Trudy bloß John, den Dichter, für einen Proleten wie Claude aufgegeben?

McEwans neuer Roman ist eine Art Kammerspiel, ein nicht sehr umfangreiches Buch, das sich auf wenige Protagonisten beschränkt und beschränken muss. Als Leser nimmt man automatisch die Position des Ungeborenen ein, da man nur seine Sichtweise kennt. Daher hängt es natürlich auch von ihm ab, ob die Geschichte funktioniert oder nicht. Das tut sie, denn der Fötus ist ein pfiffiger Erzähler, der intelligent und teilweise sehr witzig das verarbeitet und analysiert, was im Umfeld seiner Mutter passiert. Vielleicht könnte es alles ganz anders sein – aber man zweifelt keine Sekunde, dass er die Situation richtig einschätzt.

McEwan zeigt uns, in was für eine Welt man heutzutage hineingeboren wird – der Fötus hat keine Wahl. Gleichzeitig besitzt er eine gehörige Portion Egoismus, es geht ihm darum, wie er leben wird, wenn seine Mutter und ihr Liebhaber ihren Plan in die Tat umsetzen und den verhassten Ehemann wirklich aus dem Weg schaffen. So schafft der Roman einerseits ein Abbild unserer heutigen Welt und ihren Problemen und ist andererseits eine ganz persönliche und durchaus dramatische Geschichte um einen außergewöhnlichen Protagonisten. Allein deshalb lohnt sich schon die Lektüre von „Nussschale“.

Ian McEwan: Nussschale, Diogenes Verlag, 2016, 288 Seiten, 22 Euro

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9 Antworten zu Was wäre wenn? – Ian McEwan: Nussschale

  1. marinabuettner schreibt:

    Klingt nach einem sehr besonderen „McEwan“. Ich bin schon gespannt aufs Lesen.

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  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Deine Rezension klingt wahnsinnig verlockend – wie schafft er es nur immer wieder, so überraschende Plots zu entwerfen?

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  3. Karo schreibt:

    Mmh, spannend wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Während dich die „offenen Fragen“ im Roman nicht gestört haben, hat mir das allumfassende Wissen des ungeborenen Erzählers die Lektüre echt schwer gemacht. Fand ich einfach zu unlogisch :-/ Liebe Grüße, Karo

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    • Bri schreibt:

      Mir geht es eher wie Karo. Wobei man natürlich sagen muss, dass ein McEwan einfach schreiben kann, daran ist nichts zu deuteln. Aber ich bin auch noch nicht ganz zum Schluss gekommen, was ich von diesem McEwan halten soll 😉 LG, Bri

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      • letteratura schreibt:

        Der ganze Plot ist ja unwahrscheinlich und unlogisch. Das war mir vorher klar, daher habe ich das hingenommen und dann nicht weiter darüber nachgedacht, das war sozusagen die Voraussetzung für die Lektüre. Die Alternative wäre wohl gewesen, das Buch einfach nicht zu lesen. Wäre es ein anderer Autor gewesen, hätte ich das vermutlich auch nicht getan, hier war ich aber zuversichtlich, dass er das Thema gut umsetzt.

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      • Bri schreibt:

        Ja, ich weiß. Aber ich frage mich dann immer, warum man das so macht 😉 Hmm … ich werde noch ein wenig grübeln 😉

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  4. literaturreich schreibt:

    Mir geht es leider auch so, dass ich vor diesem Buch zurück schrecke. Obwohl ich McEwan eigentlich sehr mag. Und all die guten Rezensionen können mich nicht überreden. Es gibt ja auch so viele andere Lektüre, vielleicht greife ich beim nächsten wieder zu. LG Petra

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