Spurensuche – Nathan Hill: Geister

geister-nathan-hill„Manchmal sind wir so sehr in unserer eigenen Geschichte gefangen, dass wir unsere Rolle in der Geschichte eines anderen nicht sehen.“ S. 856

Literaturprofessor Samuel Anderson führt ein zurückgezogenes Leben, mit dem er unzufrieden ist. Eigentlich möchte er Schriftsteller sein, doch fast seine gesamte Freizeit verbringt er mit Computerrollenspielen. Er hat nur wenige Kontakte. Bis er eines Tages einen Anruf aus einer Chicagoer Anwaltskanzlei erhält: Seine Mutter hat offenbar den republikanischen Präsidentschaftskanditaten angegriffen. Ihr droht eine hohe Strafe und Samuel soll sich für sie einsetzen. Doch wie könnte er? Schließlich hat seine Mutter seinen Vater und ihn ohne eine Begründung verlassen, als er sieben Jahre alt war. Samuel hat den Grund dafür nie erfahren und er hat keine Lust, sich mit seiner Mutter auseinanderzusetzen geschweige denn, ihr zu helfen. Die Umstände führen aber dazu, dass er dringend Geld benötigt und so macht er sich doch auf die Suche nach seiner Mutter und ihrer Geschichte. Was zunächst aus Berechnung geschieht, endet in einer Suche nach den Geheimnissen seiner Familie, vor allem den seiner Mutter, über deren Leben er fast nichts weiß.

Nathan Hill hat mit seinem Debüt „Geister“ einen Roman von erheblichem Umfang (ca. 860 Seiten) geschrieben, die beim Lesen nur so dahinfliegen. Um Samuel und seine Mutter tummeln sich noch einige Personen mehr in der Geschichte. Da ist zum Beispiel Pwnage, ein Spieler aus Samuels Computergilde, der, noch süchtiger nach dem Spiel als Samuel, beschließt, endlich ein besseres und gesünderes Leben zu beginnen und (ähnlich wie Samuel) von einer Karriere als Schriftsteller träumt. Und die Zwillinge Bishop und Bethany, mit denen er als Kind befreundet war, und die für sein Leben prägend waren bzw. noch immer sind. Letztendlich geht es bei der Suche nach dem Geheimnis um seine Mutter immer auch um Samuel selbst und sein Leben, das womöglich ganz anders verlaufen wäre, hätte seine Mutter ihn nicht verlassen.

Nathan Hill, dessen Roman gerade viel gelobt und in über 20 Sprachen übersetzt wird, wird gern mit John Irving verglichen. Obwohl er diesem Vergleich nicht ganz standhält, gelingt es ihm doch genauso wie Irving, auf nur wenigen Seiten komplexe Charaktere zu schaffen, die immer auch so viele Ecken und Kanten haben, dass man nur allzu gern mit ihnen mitfiebert, sie als authentisch und interessant empfindet. Situationen fängt er mit wenigen Worten ein, Bilder entstehen schnell und sehr plastisch vor den Augen des Lesers. Auch hat Hill ein enormes Gespür für das richtige Tempo seiner Geschichte. Jedes Kapitel spielt zu einer anderen Zeit, wir befinden uns mal in der Gegenwart der Geschichte im Jahr 2011, dann begeben wir uns zurück in Samuels Kindheit bzw. noch weiter zurück in die Vergangenheit von Samuels Mutter Faye und deren Mitwirkung bei Studentenprotesten in Chicago 1968. Hill hält konsequent die Spannung aufrecht, lüftet die Geheimnisse nach und nach, wirft neue Fragen auf und verzichtet auf allzu plumpe Cliffhanger.

Was das Leben aus Hills Figuren gemacht hat, wieso sie so wurden, wie sie sind – all das ist plausibel erzählt. Hill findet für die verschiedenen Ebenen seiner Geschichte eine jeweils passende Form, erzählt zügiger oder behutsamer, psychologisch stets überzeugend, je nachdem, ob es zum Beispiel um die sich überstürzenden Ereignisse bei den Studentenprotesten geht oder um Samuels Kindheit. Zudem gibt es einige Szenen, die unheimlich witzig sind, etwa wenn Samuel mit seinem Verleger telefoniert oder Stress mit einer ganz besonderen Studentin hat. Hill schreibt mitunter sehr mitreißende Dialoge.

„Geister“ ist eine Geschichte um die Familie und das, was man seinen Liebsten zuweilen antut, obwohl man sie eben liebt. Um Geheimnisse, Lügen und die Risiken der Ehrlichkeit und Offenheit. Vor allem ist „Geister“ intelligente Unterhaltung im besten Sinne. Nathan Hill zeigt in seinem Debütroman, dass er ein großes Talent ist. „Geister“ ist ein sehr gut konstruierter Roman, in dem der Autor nie die Fäden aus der Hand lässt. Eine Geschichte, in die man sich komplett fallenlassen kann.

Nathan Hill: Geister, Piper Verlag 2016, 864 Seiten, 25 Euro

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8 Antworten zu Spurensuche – Nathan Hill: Geister

  1. thursdaynext schreibt:

    Ich freu mich schon darauf

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  2. literaturreich schreibt:

    Morgen lese ich auch los. Deswegen habe ich deine Rezension bewusst nicht gelesen. 😉 Nur den letzten Abschnitt konnte ich mir nicht verkneifen. Jetzt freue ich mich umso mehr.

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  3. Bri schreibt:

    Ich muss mich mit dem lesen der Rezi noch zurückhalten – denn ich stecke noch mitten drin … und bin immer noch hoch begeistert. LG – komme bald zurück, um zu lesen 😉

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  4. Pingback: Fragmente – „Geister“ von Nathan Hill – BücherKaterTee

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