Die Liebe nach 20 Jahren – Navid Kermani: Sozusagen Paris

Kermani_25276_BS_MR.inddDer Junge aus Navid Kermanis Roman „Große Liebe“ ist erwachsen geworden. Er ist nun Schriftsteller und hat die Geschichte seiner ersten Liebe aufgeschrieben und daraus einen Roman gemacht. Diesen Roman „Große Liebe“ stellt er bei Lesungen in ganz Deutschland vor. Bei einer dieser Veranstaltungen steht plötzlich eine Frau vor ihm, Mitte, Ende 40 müsste sie sein, sie hält ihm ihr Buch hin, um es signieren zu lassen und fordert ihn auf, er solle bloß nicht „Für Jutta“ schreiben. Jutta, so hatte er die Angebetete in „Große Liebe“ genannt, obwohl sie meist nur „die Schönste des Schulhofs“ oder ähnlich hieß, doch sie hieß und heißt nicht Jutta: Der Schriftsteller, der auch diesen Roman erzählt, hatte ihr nur für den Roman den Namen gegeben.

Navid Kermanis „Sozusagen Paris“ ist eine Fortsetzung seines Romans „Große Liebe“, wobei beide Geschichten völlig in sich abgeschlossen sind und man diesen aktuellen Roman ohne Weiteres ohne Kenntnis des Vorgängers lesen kann. Sie mag bereichernd sein, die Kenntnis, vielleicht, weil man nicht nur ahnt, sondern noch genau weiß, wie wichtig diese junge, sehr kurze Liebe von nur einer Woche für den Erzähler war. Vermutlich geht man das neue Buch Kermanis dann mit anderen Vorstellungen und Erwartungen an: Ein Mann und eine Frau, wobei zumindest sie seine erste Liebe war, treffen sich nach 30 Jahren wieder: Werden sie über die gemeinsame Zeit sprechen? Werden sie ausloten, ob noch irgendetwas übrig geblieben ist von damals? Gemeinsam zurückblicken? Zunächst geht es nach der Lesung mit noch einigen anderen in eine Kneipe – es stellt sich heraus, dass Jutta die Bürgermeisterin dieser kleinen Stadt ist – und schließlich zu Jutta nach Hause. Die Sachen der drei Kinder liegen im Flur, ihr Ehemann ist im Arbeitszimmer, und Jutta beginnt, dem Schriftsteller von ihrer Ehe und von ihren Eheproblemen zu erzählen.

Waren es in „Große Liebe“ die persischen Mystiker, deren Weisheiten und Geschichten sich durch die Handlung zogen und zu ihr in Verbindung gesetzt wurden, so sind es jetzt die Franzosen, Balzac, Proust, Stendhal, deren Erzählungen und deren weise Worte Erwähnung finden. So schweift der Erzähler immer wieder ab, und diese Ausflüge in die französische Literatur werden mit der Zeit ausführlicher, führen von der Handlung weg, obwohl sie sie doch ergänzen sollen und dies ja auch wirklich tun: Man muss sich nur darauf einlassen. Gleichzeitig tritt Jutta in ihren Erläuterungen mit der Zeit immer wieder ein wenig auf der Stelle. Beides fordert den Leser heraus: Es ist keine gefällige Geschichte, die erzählt wird, nicht für jeden wird das funktionieren.

Ein feiner Kniff ist, dass Kermani den Leser glauben lässt, bei der eigentlichen Entstehung des Romans dabei zu sein. Er gibt vor, den Lauf seiner Geschichte so weit zu verfremden im Gegensatz zu der „wahren“ Geschichte, die es laut Erzähler ja wirklich gegeben hat, dass diese nicht mehr erkennbar ist. Er sieht Gespräche mit seinem Lektor voraus, der ihm jede kleine Unplausibilität, jeden kleinen Logikfehler in seinem Romanentwurf direkt unter die Nase reibt. Diese aus dem Nichts gesponnenen Unterhaltungen mit dem Lektor sind kleine Highlights des Romans, vor allem weil sie die witzigsten Passagen sind.

Noch deutlicher als beim Vorgänger sind in „Sozusagen Paris“ die Parallelen zwischen Autor Navid Kermani und seinem Erzähler. Die bereits veröffentlichten Bücher, der Migrationshintergrund des Erzählers, der der Grund ist, warum er immer wieder zu bestimmten Themen wie zum Beispiel Terror befragt wird – hier sind die Ähnlichkeiten oder die angenommen Ähnlichkeiten so groß, dass man automatisch den Autor vor sich sieht, dass Autor und Erzähler beim Lesen miteinander verschwimmen. Eine gewollte Verwirrung, die aber auch immer wieder fragen lässt, ob Kermani uns dennoch sagen will, dass ihn das, was seinen Erzähler nervt, auch im wirklichen Leben nervt. Eine Frage, die man ihm gern stellen würde – und die er womöglich mit dem Hinweis darauf, dass er mit „Sozusagen Paris“ einen Roman geschrieben hat, gleich abwinken würde.

„Sozusagen Paris“ ist ein Roman, wie ich ihn so oder ähnlich noch nicht gelesen habe, was unbedingt für die Lektüre dieses Buches spricht. Ein Roman, der trotz seiner relativen Kürze von ca. 280 Seiten recht komplex ist – in den man aber sicher unterschiedlich tief einsteigen kann. Eine Geschichte, die mit den Erwartungen des Lesers spielt, die ihn verwirrt und verwirren will. Natürlich eine Geschichte über die Liebe: War es damals die erste große Liebe, so ist es hier die Liebe nach zwanzig Jahren Ehe, die im Zentrum steht und von der Jutta erzählt. Liest man „Sozusagen Paris“, so bekommt man wahrscheinlich etwas Anderes, als man dachte. Ob das besser oder schlechter ist, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden.

Navid Kermani: Sozusagen Paris, Hanser Verlag, 2016, 288 Seiten, 22 Euro

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