Aus anderer Perspektive – Navid Kermani: Große Liebe

Kermani_24474_MR1.inddEin Fünfzehnjähriger verliebt sich zum ersten Mal, so sehr, dass es ihn erschüttert, dass für nichts anderes mehr Platz ist. Die Angebetete ist ein paar Jahre älter, Abiturientin, doch trotzdem werden die beiden ein Paar. Sehr kurz, eine Woche dauert das Zusammensein nur, in der der Junge dreimal bei ihr übernachtet, erste sexuelle Erfahrungen macht, bevor sie sich ihm entzieht und es schon wieder vorbei ist. Das Leiden des Jungen ist unermesslich, die Eifersucht, das Nicht-wahrhaben-wollen – nie wieder habe er so geliebt wie beim ersten Mal, so sagt er, und genau um diese ersten Erfahrungen geht es in Navid Kermanis Roman „Große Liebe“.

Für sich genommen wäre die Geschichte einer Pubertätsliebe, die gerade mal eine Woche gedauert hat, kaum Stoff genug für einen Roman, den auch jene lesen wollten, deren Jugend längst hinter ihnen liegt. Doch Kermani führt seiner Geschichte noch eine, eher zwei weitere Ebenen hinzu, die die Lektüre dann doch zu einem Gewinn machen:

Zunächst einmal wechselt der Erzähler immer wieder hin und her zwischen der Er- und der Ich-Perspektive, erklärt dies auch an einer Stelle damit, dass er sich selbst in dem jüngeren Ich nicht wieder erkenne: Es sei also mehr als ein literarischer Trick. Gleichzeitig ist das aber auch eine Art Kokettieren, ein sicherlich bewusstes Verwirren des Lesers, denn „Große Liebe“ ist ganz eindeutig ein Roman. Und doch scheint die Grenze zwischen Erzähler und Autor immer wieder zu verschwimmen, neigt man dazu, zu vergessen, dass wir hier nicht eine autobiographische Episode aus dem Leben des Autors lesen. Ganz automatisch sieht man Kermani vor sich, der – so lässt er uns ja auch glauben – seine eigene Geschichte erzählt. Und zwar aus heutiger Perspektive heraus, mit 30 Jahren Abstand, so dass er dem Erzählten die Perspektive desjenigen gibt, der in der Lage ist, das Geschehene mit Abstand einzuordnen.

Was den Roman aber vor allem von anderen Geschichten um eine erste Liebe unterscheidet, dürften die vielen immer wieder eingeschobenen Betrachtungen oder auch nur kurze Zitate aus der persisch-islamischen Liebesmystik sein, die mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden. Zum Beispiel, wenn der Erzähler sich der Eifersucht des Jungen zuwendet und diese vergleicht mit dem, was der persische Mystiker Schibli zu ihr zu sagen hat:

„Der höchste Grad der Eifersucht jedoch besteht darin, auf sich selbst eifersüchtig zu sein. Gefragt, was wahre Liebe sei, antwortete Schibli: „Wahre Liebe ist es, wenn du zu eifersüchtig bist, als daß einer wie du sich dem Geliebten zuwenden dürfte.“ Das hat nun alles mit dem Jungen nichts mehr zu tun, dessen Liebe Schibli alles andere als groß vorgekommen wäre. Ich erwähne es nur, um zu illustrieren, daß die Eifersucht nicht erst mit der Verzweiflung auftritt, sondern schon der Verzückung angehört….“ Kapitel 84

Der Erzähler macht seinen Leser, den er von Zeit zu Zeit auch persönlich anspricht, gern glauben, dass er sein Konzept, das dem vorliegenden Buch zugrunde liegt, nach Lust und Laune ändert. Er führt auf, wie viele Kapitel er für welches Stadium der Liebe vorgesehen hat, nur um sich doch wieder als unzuverlässig zu erweisen und alles über den Haufen zu werfen. Wir lesen also nicht nur seinen Roman, wir sind auch bei dessen Entstehen dabei – angeblich.

Mit „Große Liebe“ ist Kermani ein Roman gelungen, der eine Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit, auf andere, neue Art erzählt. Er nimmt sein jüngeres Ich ernst, betrachtet es aber auch ehrlich aus heutiger Perspektive, er benutzt eine Sprache, die sich zwischen gesetzt und gestelzt befindet und die vermutlich nicht jedermanns Sache ist. An einigen Stellen vielleicht ein wenig redundant, so dass man kleinere Längen empfindet. Alles in allem aber eine charmante Geschichte, die durch Kermanis durchdachte Konzeption alles andere als eindimensional ist.

Navid Kermani: Große Liebe, Hanser Verlag, 2014, 224 Seiten, 18,90 Euro; als Taschenbuch bei Rowohlt, 2016, 9,99 Euro

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4 Antworten zu Aus anderer Perspektive – Navid Kermani: Große Liebe

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Ein sehr schönes Buch über die erste Liebe, das meine ich auch. Schön, wie Du schreibst, dass Kermani sein jüngeres Ich ernst nimmt – ich habe mich dadurch, da im selben Alter wie er und ähnlich sozialisiert, in vielem wiedergefunden: Weil es eben kein albern-kindlicher Coming-of-Age-Roman ist, sondern einer, der diese Erfahrung, die einen durchaus auch fürs Leben prägt, eben ernst nimmt.
    Das habe ich geschrieben – falls es dich interessiert: https://saetzeundschaetze.com/2015/10/16/navid-kermani-und-die-liebe-in-zeiten-der-friedensbewegung/

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Die Liebe nach 20 Jahren – Navid Kermani: Sozusagen Paris | letteratura

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