Unlösbare Bindung – Lily King: Vater des Regens

Vater des RegensDie Familie, aus der man kommt, prägt für das ganze Leben. Auch, wenn man sich ein eigenes, erfolgreiches, ein erwachsenes Leben aufgebaut hat, so  fassen dennoch oft die gleichen Mechanismen wie damals. In der Beziehung zu seinen Eltern bleibt man immer ein wenig der, der man damals war. Wenn diese Beziehung eine schwierige, eine unglückliche war, kann es einem so ergehen wie Daley Amory in Lily Kings Roman „Vater des Regens“. Das Verhältnis zu ihrem Vater ist ein schwieriges, doch obwohl er und sein destruktives Verhalten ihr zu schaffen machen und sie auch in der Lage ist, zu sehen, wie berechnend er ist, schafft sie es nicht, sich von ihm zu lösen.

Der erste große Einschnitt in Daleys Leben passiert, als ihre Mutter eines Sommers, als Daley gerade elf Jahre alt ist, ihren Vater verlässt. Sie lässt ihm nur einen Zettel da, nimmt die Tochter mit zu ihren Eltern, wo sie die nächste Zeit verbringen, dann ziehen sie in eine neue Wohnung. Der vor vollendete Tatsachen gestellte Vater tobt. Daley wird in der nächsten Zeit hin- und hergereicht, weiß nicht recht, wo sie hingehört, versteht ihre neue Rolle nicht. Beide Elternteile finden schnell neue Partner. Daley verbringt viele Wochenenden bei ihrem Vater und dessen neuer Frau, die sie immer wieder herablassend behandeln, schlüpfrige und unangemessene Witze bzw. Sprüche reißen und ihr unterstellen, dass sie sich für etwas Besseres hält, weil sie gern und viel liest. Außerdem wird viel getrunken: Daleys Vater ist Alkoholiker und wenn er betrunken ist, unberechenbar.

Daley erzählt ihre Geschichte in der Ich-Perspektive. In drei Teile gliedert sich der Roman, von denen der erste die Zeit zur und nach der Trennung der Eltern erzählt, als Daley noch sehr jung ist, und die anderen beiden spätere Zeiträume umfassen, als Daley erwachsen ist. Sie ist dabei stets sehr offen und ehrlich, sieht genau hin – auch wenn man als Leser nicht umhin kann, immer wieder zu denken, zu befürchten, dass sie sich selbst etwas vormacht. Der Vater ist eine sehr starke Persönlichkeit, der es versteht, sein Umfeld zu manipulieren: Er kann sehr charmant sein und die Aufmerksamkeit schnell auf sich ziehen, steht gern im Mittelpunkt und braucht stets jemanden, der sich um ihn kümmert. Ja, es ist selbstverständlich für ihn, dass sich jemand um sein Wohl sorgt und wenn es keine (Ehe-)Frau gibt, die diese Aufgabe übernimmt, so erwartet er dies ganz selbstverständlich von seiner Tochter, die er andererseits immer wieder sehr herablassend behandelt und die er in niederträchtiger Weise heruntermacht. Oft sind es kleine Spitzen, doch sie sitzen.

Daley hat gelernt, wie sie mit ihrem Vater umgehen muss, damit seine Stimmung nicht plötzlich kippt, damit seine Aggressionen sich nicht plötzlich Bahn brechen. Sie hat ihn studiert, kennt die kleinsten Anzeichen, sie weiß, wann sie welches Wort sagen, wann welche Geste, welcher Blick angemessen sind. Ihr Vater ist, gerade auch, wenn er betrunken ist, wie ein Pulverfass. Und obwohl er ihr nicht guttut, sie immer wieder schlecht behandelt hat, gibt sie ihn nicht auf. Es ist eine schmerzhafte Tochterliebe, der Wunsch, einen Vater zu haben, wie sie ihn bei anderen sieht, eine Beziehung zu ihm zu haben, die von Zuneigung, Aufmerksamkeit und Respekt geprägt ist, eine Beziehung unter Erwachsenen.

Lily Kings Roman „Vater des Regens“, der in den USA vor ihrem ebenfalls lesenswerten Roman„Euphoria“ erschien, erzählt eine völlig andere Geschichte – wenn es Gemeinsamkeiten zwischen den Büchern gibt, dann liegen diese wohl vor allem im Können der Autorin, die Beziehungen zwischen Menschen darzustellen. Kings Dialoge, oft knapp, treffen auf den Punkt und liefern das Unausgesprochene stets mit. Das Unausgesprochene, das in diesem Roman oft so viel mehr Raum einnimmt, das groß und größer wird. Kings Protagonistin erzählt offen und ehrlich, reflektiert stets das eigene Handeln, sieht viel – und kann doch nicht aus ihrer Haut. Man liest mal atemlos, mal skeptisch, manchmal wütend. Der Roman braucht ein bisschen Zeit, bis er seine volle Kraft entfaltet, trifft dann aber mit Wucht.

„Vater des Regens“ ist eine lesenswerte Geschichte über eine Frau, die versucht, einer der wichtigsten Beziehungen in ihrem Leben Positives zu geben und so auch letztlich bei sich anzukommen. Die Geschichte ihrer Entwicklung bis zu einem Punkt, an dem sie mit der Vergangenheit abschließen kann.

Lily King: Vater des Regens, C.H.Beck Verlag, 2016, 399 Seiten, 21,95 Euro

 

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2 Antworten zu Unlösbare Bindung – Lily King: Vater des Regens

  1. marinabuettner schreibt:

    Klingt wirklich nach einem ganz anderen Roman als Euphoria. Ich habe es hier liegen und warte auf den richtigen Lesezeitpunkt …
    viele grüße!

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  2. letteratura schreibt:

    Ja, es ist anders… Ich bin gespannt, ob es Dir auch gefallen wird!

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