Schon wieder Elena Ferrante? – Meine geniale Freundin    

meine-geniale-freundinEigentlich wurde über Elena Ferrante und ihren Roman „Meine geniale Freundin“ ja schon alles gesagt. Lange bevor der Roman überhaupt erschien, wurde er schon aufwändig beworben, es gab verschiedene Aktionen und Verlosungen, und ob dem Buch das nur gut tat und tut, scheint mir dabei eine berechtigte Frage. Ein solcher Hype, wie er um Elena Ferrante entstanden ist, tut dem Roman nicht uneingeschränkt gut: Bei den einen schürt er Erwartungen, die so hoch sind, dass die Lektüre am Ende nur enttäuschend ausfallen kann, die anderen beschließen, dass die Aufregung ihnen unsympathisch oder nicht geheuer ist und dass sie das Buch von vornherein gar nicht erst lesen möchten. Dabei entgeht ihnen vielleicht etwas – zumindest dann, wenn sie gut erzählte Geschichten einer bestimmten Art mögen. Es geht nicht um hochtrabende Literatur, nicht um hochkomplexe Geschichten, es geht um Unterhaltung, um intelligente, sehr atmosphärische Unterhaltung.

Die grobe Handlung ist inzwischen wohl bekannt: Der auf 4 Bände angelegte Romanzyklus erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen Elena, die auch die Erzählerin ist und Lila, die in Neapel in den 50er Jahren aufwachsen. Der erste Band „Meine geniale Freundin“ umfasst die Kindheit der beiden und die frühe Jugend, bis sie ca. 16 Jahre alt sind. Beide sind intelligente junge Mädchen und kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Nach der Grundschule wird es nur Elena möglich, auf das Gymnasium zu wechseln, während Lila im Schusterbetrieb der Eltern bzw. im Haushalt aushelfen muss: Geld für die höhere Schule ist nicht da, und man geht davon aus, dass Lila sowieso jung heiraten und Kinder bekommen wird, dafür ist eine Gymnasialkarriere nicht notwendig.

Elena und Lila bleiben trotzdem Freundinnen, wobei auch in diesen jungen Jahren schon deutlich wird, dass ihre Freundschaft nicht immer ungetrübt sein wird, dass sie vor Neid und Missgunst nicht gefeit ist, dass sich die beiden immer wieder miteinander konkurrieren. Es ist zu erwarten, dass diese Schwierigkeiten und Konflikte in den späteren Büchern, die bis Herbst 2017 bei uns erscheinen werden, noch größeren Raum einnehmen werden.

Wieso also hat Elena Ferrante in Italien und in den USA so viele Leser gefunden? Die Autorin schreibt episodenhaft und in einer klaren Sprache von den Ereignissen im Neapel der 50er Jahre und sie tut das so plastisch, dass man beim Lesen schon bald das Gefühl hat, man würde unter diesen Menschen leben, mit ihnen, als einer von ihnen. Wie sie das macht? Sie beschreibt die jeweilige Situation klar durch ihre Protagonistin und Erzählerin Elena. Diese bereichert das Geschehen durch ihre eigene Gefühle, die sie ehrlich mitteilt, und durch ihre Einordnung dessen, was geschieht. Dabei bleiben wir ganz in der vergangenen Zeit – eigentlich ist es nämlich die viel ältere Elena, die ihre und Lilas Geschichte und die ihrer Freundschaft erzählt: In der Rahmenhandlung erfahren wir, dass die beiden inzwischen ältere Frauen nah an der Gegenwart sind und dass Lila spurlos verschwunden ist. Und dass Elena nicht überrascht ist, denn Lila hat immer verschwinden wollen und diesen Plan wohl jetzt in die Tat umgesetzt. Doch die erzählende Elena reflektiert nicht aus der Perspektive derjenigen, die mit mehr Wissen, Lebenserfahrung, vielleicht sogar Weisheit zurückblickt. Sie verwehrt uns somit eine Ebene, die zwar bereichernd hätte sein können, doch gibt sie der Geschichte so einen anderen Reiz, eine andere Art von Spannung auch, indem sie uns stets und nur in der Zeit hält, die gerade erzählt wird, so dass wir uns ganz hineinfallen lassen können.

„Meine geniale Freundin“ ist somit vor allem eine Roman zum Mitfiebern, zuweilen zum Mitleiden, er ist gut erzählt und lässt den Leser sehr nah an die Figuren heran. Lila bleibt trotzdem immer ein wenig schwerer zu fassen, wir verstehen sie nur so weit, wie Elena sie versteht, sehen nur, was sie sieht. Das macht sie aber auch interessant.

Vor allem aber versetzt Ferrante den Leser nach Neapel. Es sind nicht wenige Protagonisten, die sie versammelt, dankenswerterweise gibt es ein Personenverzeichnis, in dem man nachschlagen kann, wer zu welcher Familie gehört. Trotzdem ist der Kreis der Handelnden überschaubar, und durch ihn zeigt sich ein Bild von Menschen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, zeigt die Regeln, an die sie sich zu halten haben und wie die Beziehungen untereinander und das Leben dort funktionieren.

Elena Ferrantes wahre Identität wurde vor kurzem gegen den Willen der Autorin gelüftet. Ein Wissen, das für die Lektüre des Romans irrelevant ist. „Meine geniale Freundin“ schenkt ein paar unterhaltsame Lesestunden und entführt überzeugend ins Neapel der 50er Jahre. Manchmal ist mehr nicht notwendig.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, Suhrkamp Verlag, 2016, 422 Seiten, 22 Euro

 

 

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8 Antworten zu Schon wieder Elena Ferrante? – Meine geniale Freundin    

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich habe jetzt doch schon einige gute Besprechungen von vertrauenswürdigen Bloggern gelesen, nun auch von dir. Vielleicht lese ich es doch noch, bevor im Frühjahr der nächste Teil kommt. Vielleicht als Weihnachtsschmöker…
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Das eignet sich bestimmt gut. Und wenn man es liest, kurz bevor der zweite Teil erscheint, muss man auch nicht so lange warten, bis man erfährt, wie es weitergeht.;)

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  2. Marion schreibt:

    Zum Glück mochtest du das! Ich will es als nächstes lesen, war aber total skeptisch, weil Hype-Bücher oft ziemlich blöd sind. Jetzt freue ich mich viel mehr drauf.

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  3. Petra schreibt:

    Schöne Besprechung. Insgesamt fiel mein Urteil nicht ganz so positiv aus. Aber trotzdem werde ich den nächsten Band lesen. Schlecht ist das Buch auf jeden Fall nicht. Man darf nur nicht zuviel erwarten.

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  4. Pingback: Jugendjahre – Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens | letteratura

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