Nobelpreis – Willem Frederik Hermans: Unter Professoren

Hermans_Professoren.epsDie Siebziger Jahre, an einer Universität irgendwo in der niederländischen Provinz: Roef Dingelam ist Professor für Chemie und lebt ein eher ruhiges Leben, als er eines Morgens per Telegramm die Nachricht erhält: Ihm wurde der Nobelpreis für Chemie zugesprochen. Die Entdeckung, für die er den Preis erhält, ist schon einige Jahre alt, Dingelam hat keine besondere Stellung an der Universität oder unter den Kollegen, mit denen er sich nur teilweise versteht, unter denen er aber auch Kontrahenten hat. Kontrahenten, die ihm den Preis neiden werden.

Dingelams Frau Gré, mit der er so etwas wie eine Vernunftehe führt, scheint nicht zu verstehen, was der Nobelpreis bedeutet, fragt zunächst nur lapidar, was dieser finanziell einbringe, um festzustellen, dass damit ja nicht viel anzustellen sei. Die beiden sind über das Wochenende in ihr Landhaus gefahren, wo man ihnen einen Hahn schenkt, den sie nicht essen, sondern als Haustier halten möchten. Da wir uns in einer Zeit befinden, in der die Kommunikationsmöglichkeiten rar bzw. langsam sind, gelingt es den Gratulanten nur zögerlich, Dingelam zum Preis Glückwünsche auszusprechen. Stattdessen werden dem Leser einige andere Protagonisten vorgestellt, die allesamt in irgendeiner Form an der Uni arbeiten.

Willem Frederik Hermans’ Roman „Unter Professoren“ erschien erstmals 1975 in den Niederlanden und kommt in diesem Herbst neu im Aufbau Verlag heraus. Wenn man in den Niederlanden promoviere, so verrät der Buchrückentext, dann bekomme man diesen Roman geschenkt, und zwar als Warnung. Der Roman hat es sich auf die Fahne geschrieben, die Absurditäten der Bürokratie an den Universitäten darzustellen, den Kleinkrieg und die Missgunst unter den Kollegen. Das gelingt auch, allerdings mit Abstrichen.

Die Figuren, die dem Leser vorgestellt werden, nachdem dieser von Dingelams Auszeichnung erfährt, bleiben blass. Tatsächlich ist es so, dass sie sich alle ein wenig ähneln, wenig Wiedererkennungswert besitzen, sodass man gut aufpassen muss, zumal Handlungsstränge gern für längere Zeit fallengelassen werden und es dauert, bis Hermans zu einer Figur zurückkehrt. Dabei gelingt es ihm durchaus, in den Dialogen herauszustellen, wie diese Menschen an der Uni ticken, wie sie vor allem übereinander statt miteinander reden, allerdings ist die Geschichte, in die dies eingebaut wird, nicht durchgehend tragend. Vielmehr liest sich der Roman immer wieder einmal wie eine Aneinanderreihung von Episoden, schweift aus, verlässt die Haupthandlung, um sich an Nebenschauplätzen aufzuhalten – zu lange. Die eigentliche Geschichte um Dingelams Auszeichnung und um die Protesaktion einiger protestierender Studenten, die sein Labor besetzen (alles nicht persönlich gemeint, natürlich), ist zu dünn, um 500 Seiten zu füllen, wäre auf der Häfte erzählt, fällt auseinander. Und auch der versprochene Humor blitzt zwar ab und zu durch, wirklich zum Lachen ist die Geschichte aber auch nicht, die Witze wirken eher ein wenig müde. Alles, was passiert, mutet stets etwas altbacken an. Sowieso hat man beim Lesen immer wieder das Gefühl, sich in einer staubigen 70er-Jahre-Atmosphäre zu befinden. Authentisch oder überholt, das ist wohl Geschmackssache.

Vielleicht ist „Unter Professoren“ nicht zeitlos, passt eher in ein Umfeld der 70er oder 80er Jahre, in die Zeit um seine Entstehung? Sicher haben sich die Begebenheiten, die Merkwürdigkeiten an den Universitäten bis heute nicht oder kaum geändert – wo Menschen zusammen arbeiten und eigene Interessen verfolgen, zueinander in Konkurrenz stehen, sind die zwischenmenschlichen Mechanismen vermutlich wirklich zeitlos. Aber leider reicht das nicht aus, um über diesen recht umfangreichen Roman durchgehend zu unterhalten, zumal sowohl die Protagonisten bzw. ihre Charakterisierung als auch die Geschichte selbst eher an der Oberfläche bleiben. Dingelam, seine Frau Gré, sie sind pragmatisch in allem, was sie tun, Identifikationspotential für den Leser bieten sie kaum.

So taugt „Unter Professoren“ leider nicht als Roman, als Geschichte mit einem nachvollziehbaren Spannungsaufbau, bei dem man als Leser mitfiebern möchte. Als Seitenhieb auf die Lage an den Universitäten, vielleicht. Und ja, vielleicht auch als Warnung für die Promovenden, denen man das Buch schenkt.

Willem Frederik Hermans: Unter Professoren, Aufbau Verlag, 2016, 512 Seiten, 22,95 Euro

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s