Wenn einem das Leben dazwischenkommt – Markus Feldenkirchen: Keine Experimente

keine-experimente-feldenkirchenFrederik Kallenberg hat es geschafft: Als Mitglied der konservativen Partei ist er in den Bundestag eingezogen. Er kommt aus einem kleinen Dorf im Sauerland, hat seine Jugendliebe und die einzige Freundin, die er je hatte, geheiratet. Die beiden haben zwei Kinder. Frederik pendelt zwischen Berlin und dem Heimatdorf, dem er sich sehr verbunden fühlt. Der katholische Priester dort ist sein bester Freund. Das Verhältnis mit seinen Eltern allerdings ist nicht gut: Sein prinzipientreuer Lebensstil ist so etwas wie die Antwort auf die lieblose Ehe der Eltern, die eigentlich gar nicht zueinander passen. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter war immer wieder untreu. Frederik schämt sich für sie, auch deshalb, weil im Dorf jeder von den Verfehlungen der Eltern weiß und stets viel geredet wurde.

„Keine Experimente“, Titel des 2013 erschienenen Romans des Journalisten und Schriftstellers Markus Feldenkirchen, ist auch der Slogan seines Wahlplakats für die nächste große Wahl und das, wofür Frederik steht. Er möchte das Müttergeld einführen für Frauen, die sich entscheiden, ihre Kinder zu Hause zu erziehen und nicht in eine Betreuung zu geben. Er stößt dabei auf viel Widerstand, vermehrt auch aus den eigenen Reihen (inzwischen hat die Wirklichkeit die Romanidee mit dem „Betreuungsgeld“ eingeholt). Als Frederik zu einer Diskussion in die Freie Uni Berlin eingeladen wird, um dort seine Standpunkte zu vertreten, ist das für ihn Routine: Debatten zu führen hat er gelernt. Seine Kontrahentin aber bringt ihn aus dem Gleichgewicht: Liane verkörpert in allem den Gegensatz zu ihm selbst, lebt ein ungezwungenes, auch ungebundenes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, ohne sich Regeln aufzuerlegen. Frederik ist fasziniert. Die beiden kommen sich schließlich näher und beginnen eine Affäre, die Frederik mit der Zeit aus der Bahn wirft. Das schlechte Gewissen und das Gefühl, seine eigenen Ideale zu verraten, nagen sehr an ihm und bestimmen immer mehr sein Leben und sein Denken.

„Keine Experimente“ mag Einblicke geben in den Politikbetrieb, kurze, erhellende Einblicke, eigentlich ist Feldenkirchens Thema aber die Frage, was mit seinem Protagonisten geschieht, der plötzlich von seinen eigenen Prinzipien eingeholt wird und feststellt, dass das Leben, das er sich aufgebaut hat und auf dass er stolz ist, plötzlich nicht mehr dasselbe ist, dass es ihm nicht mehr den gewohnten Halt gibt. Die Zerrissenheit Frederiks beschreibt der Autor dabei gekonnt und für den Leser stets nachvollziehbar. Frederik muss feststellen, dass nicht alles immer planbar ist, ja, dass es vollkommene Sicherheit nicht gibt. Das sind alles keine bahnbrechenden Erkenntnisse, doch der Roman weiß durch seinen klaren Stil, der sich sehr angenehm liest, stets zu unterhalten, auch, wenn Einiges vorhersehbar ist und Sprache und Geschehen an einigen wenigen Stellen etwas plump daherkommen. Man kann darüber hinwegsehen, weil „Keine Experimente“ von feinem Humor durchzogen ist, sich selbst und seinen Protagonisten nicht zu ernst nimmt. Erfrischend ist außerdem, wie Politik und Politiker zuweilen aufs Korn genommen und vorgeführt werden, und der ganze Politikerbetrieb als weit weniger idealistisch entlarvt wird, als es man es vielleicht gerne hätte.

Auch, wenn dieser Roman unterm Strich vielleicht nicht allzu viel Neues bietet, wenn man die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen schon so oft gelesen hat, so ist „Keine Experimente“ doch ein kluger Unterhaltungsroman, den ich gern in kürzester Zeit gelesen und mit dessen Protagonist ich stets mitgefiebert habe, da Feldenkirchen ihn mit all seinen Verfehlungen stets so menschlich zeichnet. Fragen von Moral und Treue, nicht nur im Privaten, werden immer wieder aufgeworfen, das Dilemma komplett vor dem Leser ausgebreitet, der genauso ratlos ist, wie Frederik. Eine Geschichte über den Wunsch eines Menschen, gut zu sein und stets das Richtige zu tun, dem das Leben dazwischenkommt und der schließlich alles neu überdenken muss. Ich war gern dabei.

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente, Kein und Aber Verlag, 2013, 22,90 Euro. Die 2014 erschienene Taschenbuchausgabe ist offenbar nicht mehr lieferbar.

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4 Antworten zu Wenn einem das Leben dazwischenkommt – Markus Feldenkirchen: Keine Experimente

  1. thursdaynext schreibt:

    Das Privatleben etlicher an führender Stelle polemisierender AFD Mitglieder, hält mit ihren parteikonform anachronistisch geforderten Lebensentwürfen auch nicht Schritt. Sie sind zwar weniger Politiker als Polemiker und Populisten, haben anscheinend weniger Mühe als der hier beschriebene Politiker. Ich fürchte auch, dass der anfänglich wohl bei etlichen Politikerexemplaren durchaus vorhandene Idealismus sich rasch der hässlichen Realität und dem Pöstchengerangel beugen muss. Das Buch klingt interessant, besonders weil du den Humor hervorhebst. Aber der SuB …Daher merci für die interessante Rezi 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Mit dem Humor ist es, finde ich, immer so eine Sache, vor allem, wenn er nicht ganz brachial daherkommt (was aber meist nicht meine Sache ist): Die einen sehen ihn, die anderen fragen sich, wo er sein soll 🙂 Ich habe zum Beispiel gerade einen Roman beendet („Unter Professoren“, die Rezension folgt nächste Woche), der damit wirbt, ein „Vergnügen“ zu sein – irgendwo müssen die Leser sein, die das genauso empfunden haben (zumal es eine Art moderner Klassiker ist), ich fand das Buch eher zäh… Hier war das ganz anders. „Keine Experimente“ ist für mich beste Unterhaltung mit der richtigen Balance zwischen Ernsthaftigkeit und dann doch wieder Leichtigkeit.

      Gefällt 2 Personen

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