Israelisch-palästinensisches Leben – Sayed Kashua: Eingeboren

eingeboren-kashuaSayed Kashua hat bereits einige Romane veröffentlicht, die stets arabische Protagonisten, die in Israel leben, in ihren Mittelpunkt stellen. Kashua weiß aus persönlicher Erfahrung, wovon er schreibt: Er wuchs im Grenzgebiet zum Westjordanland auf und lebte mit seiner Familie lange in einem jüdischen Viertel in Jerusalem, bevor er 2014 in die USA emigrierte. Im vorliegenden Band „Eingeboren“ sind Kolumnen aus den Jahren 2006 bis 2014 versammelt, die wöchentlich in der Zeitung „Haaretz“ erschienen. Kashua schrieb auch seine bisher erschienenen Romane auf hebräisch.

Die Kolumnen sind chronologisch abgedruckt und in größere Kapitel zusammengefasst; auch private Ereignisse, wie die Geburt seines dritten Kindes, sind Thema. Teilweise werden so sehr persönliche Szenen erzählt und es ist unklar, wie viel sich tatsächlich so ereignet hat und was der Autor womöglich doch hinzuerfunden hat. Es sind oft kleine Begebenheiten, Alltäglichkeiten. Er erzählt von Familienfesten, gibt Gespräche mit seiner Frau wieder, mit Kindern, anderen Verwandten. Er reflektiert seine Arbeit, sein Leben als Schriftsteller. Nicht immer steht die Situation Kashuas und seiner Familie, das Leben als Araber in einem jüdischen Viertel, dabei im Vordergrund. Meist schwingt sie mit, manchmal sind Alltäglichkeiten nichts weiter als das: Geschichten, wie sie genauso auch anderswo passieren könnten. Kashua erzählt das alles in lockerem Ton, humorvoll und oft ironisch, jedoch sind es gerade diese Szenen, die manchmal in wenig belanglos sind, die Pointen, auf die sie hinauslaufen, sind zu erwarten, geraten weniger komisch als erhofft.

Trotzdem ist es interessant zu lesen, wie sich das Leben Kashuas und seiner Familie entwickelt, und auch, wie die Situation, in der er sich befindet, immer wieder in kleinen Absurditäten in seinen Alltag Einzug erhält, etwa wenn der arabische Techniker bestellt wird und Kashua den Kindern eintrichtert, so lang der Handwerker da ist, doch bitte kein hebräisch zu sprechen. Vorurteile gibt es überall, auch bei Kashua selbst. Ein ganz alltäglicher Rassismus ist auch einer der Gründe, warum der Autor sich letztendlich dazu entschließt, in die USA zu emigrieren.

So ist es auch der letzte Teil des Bandes, in dem die Kolumnen aus den Jahren 2012 bis 2014 versammelt sind, der der stärkste ist. Der nachdenklichste, vielleicht auch der ehrlichste, und der, in dem Kashua fast so etwas wie eine Niederlage eingesteht, vor allem aber die Aufgabe der Hoffnung.

Im Vorwort schreibt er:

„Ich glaube, ich versuchte vor allem, die Realität mit Hilfe von Wörtern zu überleben. Ordnung in das Durcheinander zu bringen und eine innere Logik in das Durcheinander zu bringen, die mich umgaben und die ich erlebte. Mit meinen Texten konnte ich mich entschuldigen, ich konnte schreien, Angst ausdrücken, flehen, lieben und hassen – doch vor allem konnte ich die Hoffnung nähren, mein Leben etwas erträglicher zu gestalten.“ S. 8

Wenn auch nicht alle Kolumnen gleichermaßen stark, unterhaltsam, erhellend sind – vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass die Perspektive des Außenstehenden eine andere ist als desjenigen, der im Umfeld des Konflikts lebt – so lohnt sich dieser Kolumnenband dennoch aufgrund einzelner Texte und vor allem des letzten Teils, in dem Kashua thematisiert, was in ihm vorging, als die Gedanken an eine Emigration in ihm Gestalt annahmen.

Sayed Kashua: Eingeboren. Mein israelisch-palästinensisches Leben. Berlin Verlag 2016, 320 Seiten, 22 Euro

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