Auf der Verliererseite – Fikry El Azzouzi: Wir da draußen

wir-da-draussen-el-azzouziAyoub und seine Freunde führen ein Leben abseits der Gesellschaft, irgendwo in Belgien. Von den Eltern herausgeworfen und aufgegeben, dreht sich das Leben der vier darum, Zeit totzuschlagen und möglichst Spaß dabei zu haben. Ayoub und Fouad haben marokkanische Wurzeln, Maurice ist Halbafrikaner. Karim heißt eigentlich Kevin, hat sich aber im Zuge seiner Konvertierung zum islamischen Glauben unbenannt. Die vier ziehen durch die Straßen, auf der Suche nach Drogen und nach leicht zu habenden Frauen, eine Perspektive haben sie in ihrem Leben nicht. Sie leben in den Tag hinein. Und sie sind Freunde, die zusammenhalten, auch wenn der Ton zwischen ihnen manchmal rau ist. Ayoub ist derjenige, der ihre Geschichte erzählt, der sie aufschreibt, beschließt, von nun an Schriftsteller zu sein, denn mehr sei dazu nicht nötig. Er spricht den Leser oft direkt an, ja, stellt ihm sogar Fragen, sodass man von Anfang an in seine Geschichte und die seiner Freunde hineingezogen wird.

„Wir da draußen“ von Fikry El Azzouzi ist die Geschichte von vier Verlierern, die sich eine harte Schale zugelegt haben, und vor anderen und sich selbst stets den Eindruck zu erwecken suchen, dass ihnen niemand etwas anhaben kann. Sie sind cool. Der nicht sehr umfangreiche Roman lässt sich in zwei große Abschnitte gliedern: Im ersten Teil wird das Leben der vier jungen Männer gezeigt, der immer gleiche Trott, aus dem es kein Ausbrechen zu geben scheint, im zweiten dann zeigt El Azzouzi auf, wohin es sie führt, dass sie sich in diesem perspektivlosen Leben gefangen sehen.

Warum sie dieses Leben führen, was genau sie dorthin gedrängt hat, erfahren wir nicht. Was schief ging, in Kindheit und Jugend, in Schule und Familie, all das bleibt im Dunkeln. So bekommt man eine Zustandsbeschreibung, die zwar authentisch wirkt, sich aber in die Länge zieht und nicht immer angenehm zu lesen ist. Ein Zwiespalt: Die lange Beschreibung eines Abends, als die Freunde zu Prostituierten gehen, mag dazu taugen, ein authentisches Bild zu schaffen, trotzdem ermüdet die Lektüre irgendwann, abgesehen davon, dass man mit der derben Sprache des Erzählers bzw. den detaillierten Schilderungen, die auch mal unter die Gürtellinie gehen, kein Problem haben sollte. Derb ist der Ton nicht immer, aber stets der gesprochenen Sprache nachempfunden.

„Karim ist in letzter Zeit wieder intensiver mit seinem Glauben beschäftigt. Das kommt und geht bei ihm, so phasenweise. […] Ich finde das nicht weiter schlimm, Karim überlegt sich öfter mal Sachen anders. Ich glaube, er ist nach irgendwas auf der Suche, aber er weiß nicht, wonach. Ich bin auch auf der Suche, aber ich weiß nicht, wonach. Falls wir fündig werden, lasse ich es dich rechtzeitig wissen, lieber Leser. Falls nicht, dann auch.“ S. 110

Der zweite Teil der Geschichte, in dem sich die Dinge ändern, kommt dann recht unvermittelt und unvorbereitet. Die Konsequenzen, die Karim aus seinem für ihn unbefriedigenden Leben zieht, werden durchaus schlüssig dargelegt, auch die Dialoge zwischen den Freunden überzeugen und tragen zur Charakterisierung der Figuren bei. Trotzdem fehlen auch hier ein wenig Hintergrund und Bindeglieder zwischen dem Davor und Danach.

El Azzouzi lässt Ayoub stets in launigem Ton erzählen, seine Sprache ist ungeschliffen, geradeaus, wie er eben mit seinen Freunden redet. Und Ayoub ist nicht dumm, und auch wenn er die Augen verschließen mag vor Dingen, die er nicht sehen will, wenn er stets Entschuldigungen findet für Aktionen, die schlicht kriminell sind, dann blitzt doch immer durch, dass er weiß, was sie tun, dass er die Konsequenzen sieht. Aber wird ihn das vor dem endgültigen Abrutschen bewahren?

Letztendlich sprang der Funke bei der Lektüre von „Wir da draußen“ leider nicht ganz über. Das lag einerseits klar an persönlichen Präferenzen und der Tatsache, dass mir einige Szenen zu lang, zu explizit waren. Andererseits fehlten mir Hintergründe, empfand ich manches als zu unvermittelt. El Azzouzi konzentriert sich auf die Auswirkungen von etwas, das nur zu bekannt ist, die Ausgrenzung von vornehmlich nordafrikanischen Einwanderern in Europa. Die Außenseiterstellung der vier Freunde (bzw. der drei, die ausländischer oder halbausländischer Herkunft sind) wird auch im Roman immer wieder klar. Es ist die Wirkung, die El Azzouzi beschreibt, nicht die Ursache. Es ist ein besorgniserregendes Bild.

Fikry El Azzouzi: Wir da draußen, Dumont Verlag, 2016, 224 Seiten, 20 Euro

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