Sinnsuche in der High Society – Ernst-Wilhelm Händler: München

haendler_muenchenThaddea ist Anfang 30 und musste sich in ihrem Leben noch nie Gedanken über Geld machen. Es war und ist immer da, und sie pflegt einen entsprechenden Lebensstil. Sie besitzt zwei Häuser, von denen das eine, in dem sie auch erste Schritte als freie Therapeutin zu tun versucht, stets nur „die Struktur“ genannt wird (und das sie selbstverständlich nie selbst geputzt hat). Kata, Architektin und beste Freundin, hat das Haus, das nur Glaswände besitzt, entworfen. Zu Beginn von Ernst-Wilhelm Händlers neuem Roman „München“ allerdings erfährt Thaddea, dass ihr Freund Ben-Luca sie mit Kata betrogen hat. Thaddea beschließt, beide aus ihrem Leben zu verbannen.

Allerdings waren Ben-Luca und Kata die einzigen Menschen, die Thaddea in ihrem Leben hatte, die ihr nahestanden. Andere Freunde gibt es nicht, und die Eltern kamen vor einigen Jahren ums Leben. Thaddea stürzt sich in die Events der Reichen und Schönen, besucht Ausstellungen und Partys. Und sie empfängt erste Klienten als Therapeutin. Allerdings hat sie wenig Erfolg, denn die, die sich angekündigt haben, kommen entweder gar nicht erst, oder es bleibt bei einem einzigen Besuch. Nachdem sie auf einer der Partys die Bekanntschaft eines Schriftstellers gemacht hat, beschließt sie außerdem, selbst einen Roman zu schreiben und fängt sogleich damit an. Mit dem Autor, Franz Rumpold heißt er, trifft sie sich weiter und führt Gespräche über Literatur und das Schreiben, will von den persönlichen Geschichten ihres Gegenübers aber lieber nicht zu viel wissen.

Händler konzentriert sich in „München“ ganz auf seine Hauptfigur Thaddea und ihre Versuche, nach dem Betrug von Freund und Freundin nicht einzuknicken. Thaddea hat klare Vorstellungen davon, wie man sich zu benehmen hat. Die Fassade muss aufrecht bleiben, Schwäche wird nicht gezeigt. Sie muss Haltung bewahren, vor allem vor sich selbst. Thaddea hat durch einen – selbstverschuldeten – Unfall in ihrer Kindheit eine Behinderung zurückbehalten und humpelt, wenn sie vergisst, auf ihren Gang zu achten. Es ist ihr enorm wichtig, dass niemand von ihrem Handicap erfährt. In den Szenen mit ihren Klienten wird außerdem deutlich, dass sie sich für andere und ihre Probleme eigentlich nicht interessiert. Da aber auch die Klienten nicht wirklich Hilfe von Thaddea zu erwarten scheinen, sondern offenbar nur vor jemandem ihre Probleme ausbreiten möchten, fällt das nicht weiter auf. Die Gespräche, die sie mit ihnen führt, laufen so ins Leere.

„München“ wird mit „Gesellschaftsroman“ untertitelt, allerdings ist es eine ganz bestimmte Gesellschaft, die hier näher beleuchtet wird, eine, der nur die wenigsten angehören. Es ist eine seltsame Welt, in der man am liebsten unter sich bleibt. Thaddea zum Beispiel habe nichts gegen „Aufsteiger“, ist zu lesen, es sei aber anstrengend, immer auf ihren wunden Punkt aufpassen zu müssen.

Die Szenen, die in dieser Gesellschaft spielen, lesen sich oft trocken, ziehen sich, als Leser bleibt man ein Stück weit außen vor, wenn zum Beispiel lange Szenen in der Kunstwelt zu lesen sind, ein aufwendiger Kunstparcours beschrieben wird, dem beim Lesen nicht recht beizukommen ist.  Immer wieder einmal blitzt aber auch ein feiner Humor durch, wenn Händler seinen Lesern zeigt, wie absurd diese Welt und ihre Regeln teilweise sind. Auch die Sprache zeigt manchmal Absurditäten, dann ganz auf Thaddea gemünzt: Ab und zu verwendet sie eine seltsame Jugendsprache, wenn etwas „très cool“ ist, oder auch einfach „untoll“. Vielleicht ist Thaddea nicht so erwachsen, wie sie gern sein will.

Alles in diesem Roman wirkt ein wenig steril, auch immer etwas schwer zu fassen. Thaddea ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, immerhin gelingt es dem Autor aber gut, ihre Zerrissenheit darzustellen. Trotzdem lässt die Geschichte am Ende ein wenig ratlos zurück. Das gezeichnete Bild der höheren Münchner Gesellschaft überzeugt durchaus, gerade die Passagen, die diese Welt abbilden, haben aber ihre Längen, erschließen sich nicht immer leicht. Händlers Roman „München“ steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreis, dessen Shortlist morgen verkündet wird.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Buchpreisblog / Das graue Sofa.

Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman, Fischer Verlag, 2016, 352 Seiten, 23 Euro

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