Ausnahmezustand – Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin

flanagan-unbekannte-terroristinGina Davies, Mitte 20, kommt aus armen Verhältnissen, hatte keine behütete Kindheit und ist mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Sie arbeitet als Tänzerin in einem Nachtclub, verdient dort gut und hat gelernt, die Blicke und Sprüche der Männer an sich abprallen zu lassen. Stets denkt sie nur an das Geld, mit dem sie eine Eigentumswohnung anzahlen möchte. 300 Dollar fehlen ihr noch, dann hat sie die 50.000 Dollar zusammen, die sie dafür benötigt.

Doch es kommt anders: Sie lernt den gutaussehenden und geheimnisvollen Fremden Tariq kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Als sie morgens in seiner Wohnung aufwacht, ist er verschwunden und bald wird klar: Nach ihm wird gefahndet, er soll ein Terrorist sein. Auf den Aufzeichnungen der Überwachungskamera vor seinem Haus ist auch sie zu sehen. Gina wird nun als Komplizin gesucht. Bevor sie sich dazu durchringen kann, zur Polizei zu gehen und alles zu erklären, scheint es zu spät. Ein Fernsehjournalist, der sie im Club hat tanzen sehen, kennt ihre Identität und hat vor, diese in einer groß angekündigten Fernsehsendung preiszugeben. Gina ist überzeugt, egal, was sie sagt, man wird ihr kein Wort glauben, man wird sie verantwortlich machen für Dinge, die sie nicht getan hat. Sie ist sicher, es gibt keinen Ausweg.

Die Geschichte, die Richard Flanagan in „Die unbekannte Terroristin“ erzählt, liest sich fast wie das Drehbuch zu einem Actionfilm. Tatsächlich kann ich mir den Roman sehr gut verfilmt vorstellen. Die große Stadt Sydney und ihre Schnelllebigkeit, das pulsierende Nachtleben, die Bedrohung durch den Terrorismus, die Geschichte scheint sehr zeitgemäß. Vielleicht hätte mir der Film sogar besser gefallen als der Roman.

Gina wird fast nie bei ihrem Namen genannt. Irgendwann hat jemand ihr den Spitznamen „Puppe“ verpasst, und genau so heißt Flanagans Hauptfigur 330 Seiten lang: „Die Puppe“. Geschmackssache, ganz sicher, aber ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Die Assoziation verhilft der Figur zur Charakterisierung: Gina wirkt stets so, als wäre sie ein wenig gefühlskalt, als seien ihr andere egal, egoistisch, arrogant, so wird sie gezeichnet. Ohne emotionale Tiefe: wie eine Puppe, nur eine Hülle. Und obwohl der Leser im Laufe der Geschichte einige Aspekte mehr an die Hand bekommt und erkennt, was Gina durchgemacht hat, dass sie – so soll der Leser wohl glauben – einfach zu viel Schlimmes erlebt hat und deshalb auf tough macht, es innen drin aber anders aussieht, so bleibt der Eindruck bestehen. Keine Figur mit viel Identifikationspotential. Das muss auch nicht sein, aber da der Roman einige Schwächen aufweist, hätte eine sympathischere Hauptfigur vielleicht das Gesamtbild etwas verschieben können.

Es sind nicht nur die Offenbarungen, die die Puppe und ihre Vergangenheit betreffen, die immer ein wenig unvermittelt kommen, auch darüber hinaus erfährt man als Leser einige Male plötzlich Neues, ohne dass etwas darauf hingewiesen hätte. Dann werden diese Neuigkeiten schnell wieder fallengelassen. Es gibt einige Nebenschauplätze, die mehr Raum verdient hätten, die auch das Potential dazu gehabt hätten, zum Beispiel die Geschichte um Wilder, Ginas beste Freundin, die einzige Vertrauensperson, die diese überhaupt in Sydney hat.

Obwohl es im Mittelteil des Romans immer wieder Redundanzen gibt, Gina immer die gleichen Gedanken denkt, plant, fast in die Tat umsetzt, es sich anders überlegt, was beim Lesen irgendwann etwas ermüdet (auch wenn es wohl nicht unrealistisch ist), ist „Die unbekannte Terroristin“ ein spannender Roman. Flanagans Stil kommt ohne Schnörkel aus, die Sprache ist einfach, geradeaus, manchmal recht derb. Zu dieser thrillerartigen Geschichte sicher nicht unpassend. Flanagans Bild einer Welt nach dem 11. September ist durchaus stimmig. Darüber hinaus gelingt dem Autor eine treffende Kritik an den Massenmedien in der heutigen Zeit, an denen, die alles dafür tun, nur um eine gute Geschichte zu bekommen, genauso wie an den Menschen, die die Nachrichten nicht hinterfragen, selbst wenn sie ganz offenbar nur aus Spekulationen bestehen.

Wie glaubwürdig das Erzählte ist, bleibt am Ende wohl Spekulation. Flanagans Roman konnte nur teilweise überzeugen. Für „Der schmale Pfad ins Hinterland“ erhielt er 2014 den Man Booker Prize. „Die unbekannte Terroristin“, gerade neu bei uns erschienen, stammt aus dem Jahr 2006.

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin, Piper Verlag, 2016, 336 Seiten, 22 Euro

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3 Antworten zu Ausnahmezustand – Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin

  1. marinabuettner schreibt:

    Danke für die Besprechung, ich habe auch überlegt es zu lesen, aber das erspar ich mir dann lieber.

    Gefällt mir

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