Probe fürs Leben – Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachsens

catton-die-anatomie-des-erwachsensEleanor Catton hat offenbar eine Vorliebe für Konstruktionen. Bereits in ihrem Debütroman „Die Anatomie des Erwachsens“, der in Neuseeland 2008 erschien (da war sie 23 Jahre alt) und der bei uns gerade als Taschenbuch herausgekommen ist, hat sie das bewiesen. In ihrem zweiten Werk, dem Goldgräberepos „Die Gestirne“, für das sie 2013 als jüngste Preisträgerin überhaupt den Booker Prize gewann, hat sie es perfektioniert und auf die Spitze getrieben. Dort sind es die Tierkreiszeichen, die sie mit den handelnden Figuren ins Verhältnis setzt, die sie ihnen zuordnet. Sogar die Seitenzahlen der Kapitel folgen einem strengen Schema. Cattons großes Talent zeigt sich auch dem Leser von „Die Anatomie des Erwachens“ schon nach wenigen Seiten. Ihr erster Roman ist bereits hervorragend konzipiert, aber natürlich würde das allein nicht ausreichen.

Als herauskommt, dass die junge Victoria eine Affäre mit ihrem Lehrer Mr. Saladin hatte, ist der Skandal perfekt. Doch was nun mit beiden geschieht (der Lehrer wird suspendiert, seine Schülerin für eine ganze Weile nicht mehr in der Schule gesehen), das ist nicht Thema von Cattons Roman. Vielmehr richtet sich der Fokus auf Victorias Mitschülerinnen, auf ihre jüngere Schwester Isolde, auf sie alle, die nichts von der Affäre wussten, sich ausgeschlossen fühlen, weil Victoria niemanden eingeweiht hatte. Und die, wie es der deutsche Titel verspricht, „erwachen“, wie aus einem Kindheitsschlaf, die erwachsen werden und vor allem die Sexualität, Liebe, das andere (und auch das eigene) Geschlecht entdecken. Deren Welt sich mit Wucht und ganz plötzlich vergrößert. Das ist spannend, sehr aufregend, aber auch beängstigend und so neu, dass es verwirrend ist.

„Später wird sie das Gefühl vielleicht als eine objektlose Form der Erregung identifizieren, als eine ungehörige Forderung, die hin und wieder an ihrem Körper zupft, wie wenn eine Saite, obwohl unberührt, in harmonischem Einklang mit einem Klavier in der Nähe mitschwingt. […] Bisher hat Isolde nichts erlebt, und dieses Gefühl bedeutet deshalb nicht Ich muss heute Abend Sex haben […] Es ist noch kein Gefühl, das sie in eine Richtung weist.“ S. 24f.

Wie Catton ihre Geschichte aufbaut, ist ausgeklügelt und so konzipiert, dass der Leser immer wieder verwirrt wird, eine Weile im Dunkeln tappt, bis langsam deutlich wird, wie hier alles zusammenhängt. In großen alternierenden Kapiteln lesen wir auf der einen Seite von den jungen Mädchen, die allesamt Saxophon spielen und bei der gleichen Lehrerin Unterricht nehmen. Diese diskutiert mit ihren Schülerinnen stets auch Privates und immer wieder die Affäre zwischen Victoria und ihrem Lehrer. Und auf der anderen Seite gibt es den zunächst völlig separaten Handlungsstrang um die Anfängerklasse an einer Schauspielschule im direkten Umfeld des Skandals. Aufgabe der Schüler ist es, am Ende ihres ersten Jahres ein Stück komplett allein auf die Bühne zu bringen. Sie wählen sich die Affäre um den Lehrer und seine Schülerin zum Thema.

Als Leser muss man sich in Cattons Roman einiges selbst erschließen, und nur so ist es wohl möglich, dass die Geschichte ihre komplette Wirkung entfaltet. Catton zeigt schon in ihrem Debütroman ihr großes Talent, das vor allem immer dann deutlich wird, wenn sie die Gefühle, die Beweggründe, die ganze Komplexität ihrer jungen Protagonistinnen darstellt: In einer bildreichen, oft verästelten, sehr starken Sprache bringt sie stets psychologisch auf den Punkt, was in den jungen Mädchen vorgeht, die ganze Verwirrung, die Ängste, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen. Man staunt über so viel Reife in jungen Jahren.

Und auch die Passagen an der Schauspielschule weisen letztlich in die gleiche Richtung: Über den Fragen, was Schauspielkunst wirklich ist, über die Gegensätze zwischen Imitation, Abbildung und dem Problem, wie nah man der dargestellten Figur kommen kann, schwingt auch hier immer die Frage nach der eigenen Identität mit, die die sehr jungen Schauspielschüler noch suchen.

Cattons Ton, ihr kreativer Schreibstil, ihr haarscharfer psychologischer Blick erinnert mich an die ebenfalls noch sehr junge Emma Cline, die mich mit ihrem Roman „The Girls“ vor kurzem so begeistert hat: Beide Romane, obwohl komplett unterschiedlich und mit sehr verschiedenen Themen, schaffen es sehr gut, die Gefühle, Sorgen, Nöte von jungen Mädchen darzustellen. Beide Autorinnen sind große Talente, wenn man auch beiden vorwerfen könnte, dass sie es manchmal etwas übertreiben, man ihren Stil zuweilen überfrachtet empfinden könnte. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau. „Die Anatomie des Erwachens“, im Original schlichter, aber sehr passend mit „The rehearsal“ übertitelt, ist eine fesselnde, sehr unterhaltsame und kluge Geschichte. Man darf gespannt sein, was von Eleanor Catton als nächstes zu lesen sein wird.

Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachsens, btb Taschenbuch 2016, 400 Seiten, 10,99 Euro

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7 Antworten zu Probe fürs Leben – Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachsens

  1. Marion schreibt:

    Ich mochte das Buch sehr gern. „Die Gestirne“ haben mir auch gut gefallen, waren ja aber auch eine völlig andere Nummer. Mir hat sehr gut gefallen, wie sie mit den verschiedenen Rollen spielt, wie z.B. die Saxophonlehrerin die Mutter immer als „die Mutter“ sieht, als die letztendlich gleiche Person bzw. Rolle, die sich nur anders anzieht oder einen Fatsuit trägt. Es dauert noch ein bisschen, bis meine Rezension erscheint, sie wird aber sehr positiv ausfallen 🙂

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    • letteratura schreibt:

      Ich mochte diesen Roman lieber, was einfach am Thema liegt. Goldgräbergeschichten sind wohl einfach nicht meins 🙂 ein toller Roman, ich hab etwas gebraucht, bis ich ihn durchschaut hatte. Ich glaube, ich könnte ihn gleich nochmal lesen und würde viel sehen, was mir beim ersten Mal entgangen ist…

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  2. thursdaynext schreibt:

    Hihi, ich fand den Roman damals toll, dank dir weiß ich jetzt auch weshalb😄

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