Reise ohne Ziel – Dagmar Leupold: Die Witwen

die-witwen-leupoldDie Witwen sind keine. Nur eine von ihnen, Penny, war verheiratet und weiß nicht einmal, ob sie inzwischen vielleicht verwitwet ist, denn ihr Mann Otto verschwand vor acht Jahren spurlos. Sie hat sich eingerichtet im Leben mit dem Sohn und bei den Schwiegereltern, arbeitet in der familieneigenen Gaststätte. Und die Zeit vergeht. Ihre Freundinnen Beatrice, Laura und Dodo sind ihr nach Steinbronn gefolgt, schon vor vielen Jahren. Die vier Frauen kennen sich schon fast ihr ganzes Leben, gingen in Berlin zusammen zur Schule. Penny verließ die Großstadt der Liebe wegen, die drei Freundinnen folgten in die Provinz. Eine jede von ihnen hat sich längst eingerichtet in einer Gärtnerei (Dodo), als Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin (Beatrice) und Logopädin (Laura). Die Tage vergehen. Die Jahre auch. Viel erleben sie nicht. Eines Tages beschließen sie, eine Reise zu unternehmen, ohne Ziel wollen sie losfahren, der Weg ist, was zählt. Heraus aus dem Alltag. Per Annonce suchen sie einen Chauffeur und finden Bendix, keinen ganz Unbekannten. Und so verlassen sie Steinbronn und das gleichmäßige Leben ohne Überraschungen, das sie dort geführt haben und werden sich auf ihrer Reise noch einmal von einer anderen Seite kennenlernen.

Dagmar Leupolds schmaler Roman „Die Witwen“ ist bereits ihr zweiter, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreis geschafft hat. Ein unaufgeregter Roman um vier nicht mehr ganz junge Frauen, die noch einmal aufbrechen, wie um zu schauen, was es da noch gibt für sie. Und die natürlich alle ihr Gepäck dabei haben. Erfahrungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute sind.

Die Namen der vier: zeitlos und mit Bedeutung aufgeladen. Beatrice und Laura die Frauenfiguren, um die Dante Alighieri und Francesco Petrarca, die beiden wichtigsten Dichter der italienischen Literaturgeschichte, in ihren Werken stets kreisen, Penelope, die Frau des Odysseus, Dorothea, das „Geschenk Gottes“. Die Namen sind nicht zufällig gewählt: Wir haben es mit gebildeten, kulturell interessierten Frauen zu tun. Und auch Bendix, eigentlich Benedikt, der Fischfreund und von der Liebe gezeichnete, die männliche Hauptfigur des Romans und Chauffeur des Quartetts, entstammt diesem Milieu.

„Die Witwen“ erzählt zwar von unerwarteten Begebenheiten, ist aber frei von Dramatik. Vor allem ist es Leupolds präzise Sprache, die den Roman lesenswert macht: Oft einfach, dann wieder in verästelten Sätzen, bringt sie stets auf den Punkt, was mit ihren fünf Protagonisten geschieht. Im Äußeren und im Inneren. Tatsächlich ist es schwierig, genau zu erfassen, was Leupolds Roman so lesenswert macht. Vielleicht ist es die Art und Weise, wie sie die Freundschaft dieser Frauen darstellt, die sich so lange kennen und die feststellen, dass sie trotzdem nicht alles voneinander wissen – und die nicht gekränkt oder wütend sind, als sie dies feststellen. Vier Frauen, die sich eingerichtet haben in einem Leben, in dem sie auf niemanden Rücksicht nehmen müssen, die zufrieden scheinen, denen aber etwas fehlt. Die sich nicht zufrieden geben möchten. „Die Witwen“ liest sich als lebensbejahendes Buch mit positiver Grundstimmung. Eine Geschichte, die wie ein Film vor den Augen des Lesers abläuft, so genau sieht man das alles vor sich: die Weinberge, die Gaststätte, die Orte, die sie besuchen, dann das Auto, in dem sie ihre Reise unternehmen und sich schließlich anvertrauen, was sie sich noch nie erzählt haben.

„Die Witwen“ liefert so etwas wie eine Bestandsaufnahme im Leben dieser Frauen und ebenso ihres Chauffeurs Bendix, der seine eigenen Dämonen mit sich herumschleppt. Und am Ende steht die Hoffnung, dass etwas angestoßen wurde, sich ändern könnte. „Die Witwen“ ist eine sehr gut erzählte Geschichte um vier Frauen, die aus ihrem Alltag ausbrechen und schauen möchten, was da draußen vielleicht noch auf sie wartet. Wie die Longlist-Kandidaten Kaiser-Mühlecker und Kirchhoff scheint auch dieser Roman ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Vielleicht ist das Zufall oder doch ein Trend? Ob der Roman es auf die Shortlist schafft, bleibt abzuwarten. Verdient hätte er es.

Dagmar Leupold: Die Witwen, Jung & Jung Verlag 2016, 236 Seiten, 22 Euro

 

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