Verlorene – Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Fremde Seele, dunkler WaldDie Brüder Jakob und Alexander sind auf einem Bauernhof in Österreich groß geworden. Alexander, der einst Priester werden wollte, hat sich inzwischen als Soldat verpflichten lassen und besucht seine Familie nur noch selten. Jakob, der um einige Jahre jünger ist (zu Beginn des Romans ist er 15 Jahre alt), lebt dort mit seinen Eltern und Großeltern in einem Drei-Generationen-Haushalt. Der Hof wirft nicht mehr genug ab und so ist der Vater gezwungen, immer mehr Teile zu verkaufen. Er gibt sich immer wieder neuen Ideen hin, die ihn finanziell retten sollen. Nichts hilft. Jakob meistert die alltäglichen Arbeiten auf dem Hof fast komplett allein, ohne darüber nachzudenken. Er möchte den Hof übernehmen und sieht, dass sein Vater sich verrannt hat. Sein Großvater hat zwar Geld, das er aber nicht zur Rettung des Hofs herausgeben will.

Alexander und Jakob sind Einzelgänger, unterschiedliche Typen, die auch zueinander kaum Zugang finden. Reinhard Kaiser-Mühlecker zeigt in seinem Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“, wie diese beiden ihren Platz im Leben suchen, wie sie ihm einen Sinn geben wollen, ohne zu wissen, wo sie anfangen sollen. Alexander hat in der Religion seine Antworten nicht gefunden: Nicht nur hat er von dem Wunsch, Priester zu werden, wieder Abstand genommen (sein ganz eigener Wunsch, der ihm nicht von der Familie aufgedrückt wurde), auch die Religion an sich lässt sich zwar nicht komplett verbannen, erscheint ihm aber eher diffus und ist nicht in der Lage, seinem Leben Halt zu geben.

Diese beiden Brüder wanken durch die Zeit, die ihnen ein wenig abhanden gekommen zu sein scheint, ohne dass sie dies überhaupt wahrnehmen. Als Leser vergisst man manchmal fast, dass wir uns in der Gegenwart befinden, bis dann plötzlich vom Verschicken von Kurznachrichten die Rede ist oder von einem Tablet-Computer. Die Zeit auf dem Land scheint ein wenig langsamer zu vergehen, natürlich sind die neuen Technologien aber längst dort angekommen. Doch ist es nicht nur das Leben auf dem Hof und im Dorf, wo viel übereinander geredet wird, wo alles etwas gemächlicher abläuft, das diesen Eindruck erweckt. Sondern auch Kaiser-Mühleckers Sprache, die so bedächtig und immer auch ein wenig altmodisch daherkommt, dabei aber stets sehr gut lesbar ist, sehr organisch. Von Liebschaften ist da die Rede, die Jungs sind Buben, die Kneipen Gasthäuser.

In der Familie selbst wird zwar miteinander geredet, doch kommt das Gesagte beim anderen auch an? Stets ist da eine Sprachlosigkeit, die über ihnen schwebt, die sie nicht durchdringen wollen oder können. Jeder lebt sein eigenes Leben, Jakob, der früh den Hof verlässt, ohne zu wissen, ob seine Entscheidung die richtige ist, Alexander, der bei der Truppe das Gefühl mag, für sich und gleichzeitig unter seinen Kameraden zu sein und der sich plötzlich nicht nur nach Sex, sondern auch nach Liebe sehnt. Der Vater, der nie da ist, weil er seinen Ideen hinterher jagt, die Großmutter, die nicht mehr am Familienleben teilnimmt. Auch einschneidende, zum Teil tragische Ereignisse führen kaum zu einer Annäherung.

Die Geschichte mag so auf den ersten Blick vielleicht emotionslos wirken. Einerseits ist da die Sprache, die zwar nicht verknappt ist, die aber auch keine Ausschmückungen beinhaltet, sondern nur das Nötigste zum Ausdruck bringt. Und andererseits lassen die Figuren es oberflächlich betrachtet nicht zu, dass man ihnen zu tief ins Innere schaut. Je weiter man aber liest, desto mehr nimmt man wahr, wie sehr es im Inneren brodelt. Jakob und Alexander scheinen oberflächlich betrachtet alles hinzunehmen, während sie im Inneren verzweifelt nach dem Sinn suchen, der ihr Leben lebenswert macht und dabei Begegnungen, Erfahrungen machen, etwas versuchen, es wieder aufgeben.

Der Sog, den „Fremde Seele, dunkler Wald“ beim Lesen entwickelt, ist vielleicht nicht sofort da, irgendwann aber kann man sich ihm nicht mehr entziehen. Sicherlich ein Roman, der auf den ersten Blick etwas spröde und rau daherkommt, dem man Zeit geben muss, sich zu entfalten, ganz sicher einer, bei dem man zwischen den Zeilen lesen muss. Es vergeht einiges an Zeit auf den 300 Seiten, die der Roman umfasst, so dass es auch in dieser Hinsicht einige Auslassungen gibt. Durch die gleichmäßige Erzählweise wird man überrascht, wenn auch Dramatisches im gleichen Ton erzählt wird wie Alltäglichkeiten. Reinhard Kaiser-Mühlecker hat einen eigenen Sound entwickelt, um die Verlorenheit seiner Protagonisten deutlich zu machen. Es gelingt ihm ohne jeden Zweifel. Ein Roman, auf den man sich einlassen muss, der den Leser auch fordert, zumindest wenn dieser es zulässt, der einen aber belohnt. Ein intensiver Roman über die großen Fragen im Alltäglichen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald, Fischer Verlag, 2016, 

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4 Antworten zu Verlorene – Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

  1. marinabuettner schreibt:

    Schön, ich habe heute auch gepostet und dich mitverlinkt!

    Gefällt 1 Person

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