Einsiedler – Anthony Doerr: Winklers Traum vom Wasser

Winklers Traum vom WasserDavid Winkler hat schon als Kind Träume, in denen er zukünftige Ereignisse sieht. Er weiß, dass ein Mann von einem Bus angefahren werden wird und auch die Begegnung mit seiner späteren Frau Sandy sieht er voraus. Als er allerdings ebenfalls träumt, dass seine kleine Tochter Grace bei einer Überschwemmung ertrinken wird, will Sandy nichts davon wissen und tut Winklers Ängste als Spinnerei ab. Er läuft davon, in der Hoffnung, so den Lauf der Dinge aufzuhalten. Schließlich landet er auf einer karibischen Insel, wo er sich mit einem Ehepaar anfreundet, bei dem er schließlich lange lebt. Er erfährt, dass es die Überschwemmung tatsächlich gegeben hat, ob aber Grace wirklich dabei umgekommen ist, weiß er nicht. Es wird lange dauern, bis Winkler sich aufmacht, um zu ergründen, was wirklich damals passiert ist und ob Sandy und Grace noch leben.

Anthony Doerr erzählt in seinem Debütroman, der in den USA 2004 und bei uns 2005 erschien und der nun beim C.H. Beck Verlag neu herausgekommen ist, die Geschichte dieses David Winkler, der schon als Kind eher ruhig und verschlossen war und immer ein stiller Einzelgänger bleibt. Er ist fasziniert vom Wasser in all seinen Formen, vor allem von Schnee und wird Hydrologe. Doerr findet eine ruhige, sehr bildreiche Sprache voller Beschreibungen für alles, was seinem Protagonisten passiert, der denn auch den kompletten Roman über im Zentrum des Romans steht und dessen Leben zu sehr großen Teilen erzählt wird. Dabei wird auch immer wieder Fachliches zum Element Wasser vermittelt, so dass man nebenbei viel lernen kann.

Um „Winklers Traum vom Wasser“ genießen zu können, muss man sich komplett auf das ruhige Tempo des Romans einlassen. Winkler ist ein liebenswerter Mensch, der für die, die er liebt, nur das Beste will, aber auch ein etwas verschrobener Charakter, den man manchmal schütteln und zum Handeln bringen möchte – und wo Winkler nicht handelt, geht es auch im Roman nicht recht vorwärts.

So benötigt man bei der Lektüre von „Winklers Traum vom Wasser“ zwar einen langen Atem, aber Doerrs schriftstellerisches Talent zeichnet sich auch dadurch aus, dass er den großen Bogen seiner Geschichte nie aus den Augen verliert und die Fäden in der Hand behält, auch dort, wo die eigentliche Handlung kaum vorangeht und die Geschichte fast ein wenig zäh wird. Was mich immer dabei bleiben ließ und mich zurückholte, war Doerrs Sprache, die so kraftvoll ist, dass sie Winklers Geschichte zu einer zwar manchmal fordernden, auf jeden Fall aber auch bereichernden Lektüre macht. „Winklers Traum vom Wasser“ ist ein sensibler Roman über einen Mann, der gegen seine inneren Dämonen immer wieder ankämpfen muss und dabei Menschen vor den Kopf stößt und Fehler macht. Über die Möglichkeit, zu verzeihen und darüber, wie Menschen einander helfen, oft selbstlos, auch und gerade dort, wo sie wenig besitzen.

Anthony Doerr erhielt für seinen Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ 2015 den Pulitzer Preis. Vermutlich ist der große Erfolg dieses Romans der Grund dafür, dass „Winklers Traum vom Wasser“ in diesen Tagen noch einmal neu bei uns erschienen ist. Auch wenn manche Durststrecke zu bewältigen war, so macht der Debütroman doch unbedingt Lust darauf, den preisgekrönten Roman auch noch zu lesen, denn dass hier ein Autor schreibt, der sein Handwerk versteht, das liest man in jeder Zeile.

Anthony Doerr: Winklers Traum vom Wasser, C.H. Beck Verlag 2016, Sonderausgabe, 488 Seiten, 19,95 Euro

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