Ungleiche Freunde – Rose Tremain: Und damit fing es an

Tremain Und damit fing es an„Mit fünf Jahren wusste Gustav Perle nur eines sicher: Er liebte seine Mutter.“ S. 11

Gustav Perle und Anton Zwiebel – diese markanten, so bodenständig anmutenden Namen hat Rose Tremain ihren beiden Protagonisten gegeben. In ihrem neuen Roman „Und damit fing es an“, der soeben im Insel Verlag erschienen ist, erzählt sie die Geschichte ihrer Freundschaft. Gustav kommt aus einfachen Verhältnissen, lebt mit seiner Mutter Emilie in einer kleinen Wohnung. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Über seinen Vater, der kurz nach seiner Geburt starb, weiß Gustav nur wenig. Er war stellvertretender Polizeichef in Matzlingen und Emilie bezeichnet ihn immer wieder als Helden, an dessen Tod sie den Juden die Schuld gibt. Und damit auch dem Umstand, dass sie ein so einfaches, ärmliches Leben mit Gustav führen muss. Genaueres erzählt sie ihrem Sohn nicht. Als Gustav Anton kennenlernt, der aus einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie stammt, sieht sie die Freundschaft der Jungen nicht gern, versucht aber auch, ihr nicht im Wege zu stehen.

Gustav und Anton sind sehr verschieden, werden aber schnell Freunde, als Anton in Gustavs Klasse kommt. Anton nimmt Gustav mit zum Eislaufen und spielt ihm auf dem Klavier vor: eine neue, andere Welt für Gustav. Antons Eltern sind liebenswürdig, großzügig und offen, ganz anders als Gustavs Mutter Emilie, die er sehr liebt, für die es aber sehr schwierig ist, ihrem Sohn gegenüber Gefühle zu zeigen.

Rose Tremain erzählt in ihrem neuen Roman in einem wunderbaren Ton die Geschichte all dieser Menschen: Nicht nur zeichnet sie die Lebenswege Gustavs und Antons bis ins Jahr 2002 nach und zeigt ihre besondere Freundschaft, die die Jahrzehnte überdauert. Auch Gustavs Mutter Emilie nimmt in der Geschichte einen besonderen Platz ein, und der Autorin gelingt es sehr gut, auch Emilie mit feinem Gespür lebendig werden zu lassen, ihren schwierigen Charakter zu durchleuchten und sie nie zu verurteilen. Nichts ist nur schwarz oder weiß, niemand ist nur gut oder schlecht. Emilies Verbitterung kommt nicht aus dem Nichts, so viel wird deutlich, wenn wir von ihr und Gustavs Vater Erich, von der schwierigen Beziehung der beiden lesen.

Gustav und Anton sind sehr verschieden. Gustav ist ein geradliniger Charakter, im besten Sinne ein einfacher Mensch, geradeheraus. Er hat keine hohen Ansprüche an das Leben, ist mit wenig zufrieden. Anton träumt davon, Konzertpianist zu werden, aber immer, wenn er vor Publikum spielen soll, wird er von seiner Nervosität in die Knie gezwungen. Wie diese beiden aneinander hängen und einander brauchen, wie sie sich ergänzen, das vermittelt die Autorin in einem einfachen, sehr präzisen Stil, einer geschliffenen Sprache. Jedes Wort sitzt da, wo es hingehört. Vieles zeigt Tremain einfach nur, überlässt die Einordnung dessen, was geschieht, allein dem Leser. Ihre unaufgeregte Art des Erzählens passt ganz wunderbar zur Geschichte und lässt einen beim Lesen völlig abtauchen.

Größtenteils ist es zwar die Geschichte Gustavs und Antons, die wir lesen. Dem Leser wird aber auch die Nachkriegszeit in der Schweiz und das dort herrschende Klima nahegebracht. Darüber hinaus geht es um Entscheidungen, die man im Leben trifft oder treffen muss und um die Konsequenzen daraus. Wir lesen von Wünschen und Sehnsüchten und von der Frage, ob man diese irgendwann aufgeben sollte. Und wenn, wann? Vor allem ist der Roman mit dem viel schöneren und auch passenderen Originaltitel „Die Gustav-Sonate“ eine Geschichte über Menschen und das, was am Ende wirklich zählt. Rose Tremain ist eine großartige Erzählerin, die die Fäden stets in der Hand behält und die über ihre Figuren schreibt, als wären es ihre Freunde. Ein ruhiges Buch voller Kraft.

Rose Tremain: Und damit fing es an, Insel Verlag, 2016, 333 Seiten, 22 Euro

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