Lieben, wen man nicht lieben soll – Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Wir sehen uns am MeerLiat und Chilmi sind ein bisschen wie Romeo und Julia: Sie, die israelische Stipendiatin und er, der palästinensische Maler, treffen in New York aufeinander, verlieben sich und werden schnell ein Paar. Nur an einem Ort weit weg von zu Hause ist es den beiden überhaupt möglich, eine Beziehung zu führen, die zwar glücklich ist, aber stets von Problemen überschattet wird: Nicht nur ist von vornherein klar, dass die beiden sich trennen werden, wenn Liat nach ein paar Monaten zurück nach Tel Aviv gehen wird, Liat verheimlicht ihren Freund auch vor ihrer Familie, weil sie glaubt, dass diese ihre Beziehung nicht gutheißen würde. Zudem kommt es zu Spannungen, wann immer der Nahostkonflikt Thema wird: Hier kann es keinen gemeinsamen Konsens geben. Die große Frage, die in Dorit Rabinyans Roman „Wir sehen uns am Meer“ aber vor allem von vornherein mitschwingt, ist die, ob die Liebe der beiden wirklich keine Zukunft hat und ob es ihnen gelingen wird, sie einfach so zu beenden.

Der Roman beginnt mit einer starken Szene: Liat bekommt Besuch von zwei FBI-Agenten, die sie über ihr Leben und ihre Arbeit in New York ausfragen. Eine etwas bedrohliche und zunächst undurchsichtige Situation, die sich bald klärt, die aber ein stimmiges Bild des New York ca. ein bis zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September zeichnet, als der Roman spielt. Schon kurz darauf tritt aber die Liebesgeschichte ins Zentrum des Geschehens und das gesellschaftliche Klima spielt kaum mehr eine Rolle. Rabinyans Protagonistin Liat selbst erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive, sehr subjektiv, sehr auf sich selbst bezogen und zentriert. Diese Wahl der Perspektive wird dann auch zum Problem: Liats Erzählstimme ist nicht so stark und überzeugend, wie es wünschenswert wäre.

Chilmi bleibt in Liats Darstellung als Charakter ziemlich schwach. Obwohl Liat sofort in seinen Bann geschlagen wurde, sofort eine große Anziehung zwischen den beiden da war, gelingt es ihr nicht recht, zu verdeutlichen, was diese beiden zueinander zieht. Mehr noch: Chilmi ist zwar ein liebenswerter Kerl, so viel meint man herauszulesen und zu verstehen, aber ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Ecken und Kanten, mit guten und schlechten Eigenschaften wird vor den Augen des Lesers kaum lebendig. Vielmehr kreist Liat ununterbrochen um sich selbst. Manchmal wirkt sie jähzornig und selbstgerecht, schimpft plötzlich unvermittelt auf schlechte Eigenschaften Chilmis, macht ihn nieder, den sie doch eigentlich so sehr liebt. Warum eigentlich? Anderen schreibt sie nach kürzester Zeit Eigenschaften zu, stellt zum Beispiel direkt fest, dass jemand missgünstig ist, sieht es einfach, und als Leser muss man sich darauf verlassen, dass Liats Menschenkenntnis sie nicht trügt, denn weitere Anhaltspunkte gibt es nicht.

Die Darstellung von Liats und Chilmis Liebe konnte mich nicht fesseln. Nach der beschriebenen Eingangsszene lesen wir von vielen Alltäglichkeiten einer Beziehung, die für den Hergang der Geschichte nicht wichtig sind. Auch Alltagsschilderungen können fesseln, wenn sie Erkenntnisse bringen, etwas verdeutlichen, gut geschrieben sind. Dies habe ich vermisst. Die Probleme, mit denen die beiden zu kämpfen haben, sind dem Leser bekannt, aber die Handlung tritt auf der Stelle. Auch der Nahostkonflikt ist weniger Thema als man erwarten könnte, eine Entscheidung, die Dorit Rabinyan bewusst getroffen haben dürfte, da sie ihre Protagonisten und deren sehr persönliche Geschichte in den Mittelpunkt stellt. Wenn dann nach ca. 200 Seiten endlich der Nahostkonflikt zur Sprache kommt, wird er recht schnell abgehandelt.

Die große Frage bei „Wir sehen uns am Meer“, die man sich beim Lesen immer wieder stellt und auf die alles hinausläuft, ist die, wie Rabinyan ihre Geschichte zu Ende führen wird. Sprachlich konnte die Autorin mich nicht so weit mitreißen, um mich zum Innehalten zu bewegen, zu verharren, etwas zu überdenken. Die Auflösung schließlich kann man sicherlich im Sinne der Geschichte interpretieren und eine Bedeutung darin finden, ich empfand es eher so, als wollte die Autorin sich aus der Affäre ziehen.

So hält „Wir sehen uns am Meer“ leider nicht, was es versprach. Ja, es gibt einige starke Momente bzw. Szenen, in denen ich mitfieberte, Liats verzwickte Situation mich für sie einnahm. Insgesamt konnte aber gerade sie mich nicht überzeugen. Eine Ich-Erzählerin ist dem Leser stets so nah, dass ein ambivalenter Charakter zumindest schlüssig sein muss, damit man dabei bleibt. Das war hier nicht der Fall. Am Ende habe ich die Variante einer Liebesgeschichte gelesen, die nicht sein sollte, auch wenn der Grund diesmal einer war, der mir so in der Literatur noch nicht begegnet ist. Ein Roman, der sich zügig liest, in Teilen auch unterhaltsam und manchmal auch fesselnd, aber keiner, der mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Rezension ist ebenfalls auf Feiner Buchstoff erschienen.

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer, Kiepenheuer & Witsch, 2016, 384 Seiten, 19,99 Euro

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4 Antworten zu Lieben, wen man nicht lieben soll – Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

  1. Pingback: Lieben, wen man nicht lieben soll | Feiner reiner Buchstoff

  2. thursdaynext schreibt:

    Wieder einmal eine schöne, sprachlich und inhaltlich detailreiche informative Besprechung. Und ein Tipp was man nicht gelesen haben muss. Angesichts des SuBs zusätzlich bereichernd😉

    Gefällt 1 Person

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