„Wir wollen alle gesehen werden“ – Emma Cline: The Girls

Cline_25268_MR.inddEvie Boyd ist alleinstehend, hat keinen festen Job und hütet gerade das Haus eines alten Freundes, als dessen Sohn, der Teenager Julian mit seiner Freundin Sasha plötzlich auftaucht. Alle erschrecken zunächst, aber nachdem geklärt ist, warum sie dort sind, kommt das Gespräch irgendwann darauf, dass Evie einst Teil einer Sekte war, die in der gesamten Gegend berühmt-berüchtigt ist. Um sie kursieren viele, teils verstörende Gerüchte und es ist bekannt, dass es zu einer gewalttätigen Eskalation kam, über die der Leser aber zunächst nur Bruchstücke erfährt.

In Emma Clines Roman „The Girls“ erinnert sich die ältere Evie nun daran, wie sie zu der Gruppe kam, wie sie sie, „the girls“, das erste Mal sah, völlig fasziniert war vor allem von Suzanne, einem älteren Mädchen, das sich dann um sie kümmerte. Wie unzufrieden und vor allem unsicher sie war mit ihrem eigenen Teenagerleben, einer besten Freundin, die sie bald nur noch als langweilig und gewöhnlich empfand und mit der sie sich verkrachte, Eltern, die sich gerade hatten scheiden lassen und zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt waren, um sich um Evie zu kümmern. Lange bemerkten sie nicht, dass ihre Tochter in andere, in zumindest merkwürdige Kreise geraten war. In der Gruppe aber schien es allen nur darum zu gehen, eine Gemeinschaft zu sein, glücklich zu sein, und sich gegenseitig Glück und Zufriedenheit zu verschaffen. Russell, der der Anführer auf der „Ranch“ war, wo sie alle etwas heruntergekommen und schmuddelig lebten, schaffte es, alle so zu manipulieren, wie es ihm passte und von Nutzen war. Bereitwillig hatten die Mädchen auch Sex mit Russell, man fand das ganz normal, und Gefühle wie Eifersucht gehörten der spießigen Welt an, von der sie sich abgewendet hatten, über die sie sich erhaben fühlten.

Eine der großen Stärken von Emma Clines Roman ist es, wie sie es schafft, die ältere Evie ihre Geschichte erzählen zu lassen: Evie hat einen scharfen Blick auf sich selbst als 14-Jährige, aber genauso auch auf alle anderen. Sie sieht klar, wie unsicher sie und die anderen Mädchen waren, wie sehr sie alle sich wünschten, „gesehen zu werden“, und wie Russell dieses Verlangen erkannte und geschickt ausnutzte und die Mädchen von ihm abhängig machte. Evie durchschaut aus der zeitlichen Distanz all das, was sie selbst zur damaligen Zeit gedacht und getan hat, analysiert gekonnt und sehr schlüssig: Psychologisch ist „The Girls“ enorm gut ausgearbeitet. So verkommt die Geschichte nicht zu einer platten und unreflektierten Aneinanderreihung von nebulösen Andeutungen, die sich am Ende dann Bahn brechen. Vor allem gerät man niemals in die Versuchung, in der Erwartung auf die Eskalation, deren Brutalität immer wieder angedeutet wird, unkonzentriert zu überlesen, wie es mir oft mit „Spannungsromanen“ ergeht: Hier wollte ich nicht nur wissen, wie der immer wieder angedeutete Showdown denn nun aussehen würde, hier wollte ich alles wissen, was Evie und die anderen und somit auch mich dorthin führen würde.

Auf der zweiten Ebene, die in der Gegenwart spielt, zeigt sich, dass Evies Beobachtungsgabe auch heute noch scharf ist: Sie erkennt in Sasha, der Freundin Julians, ein Stück weit sich selbst wieder. Und alle anderen Mädchen in ihrem Alter, damals und heute. Eine gekonnte Spiegelung beider Ebenen, die zeigt, dass sich nichts geändert hat, wenn es darum geht, erwachsen zu werden und sich Liebe zu wünschen. Es ist eine Szene in der heutigen Zeit, in der Evie nicht ganz überzeugen kann, in der sie sich zu leicht provozieren lässt, klein bei gibt, wo man erwartet, dass sie deutlicher wird und Sasha ein besseres Vorbild ist. Hat Evie das Erlebte am Ende doch nicht stärker werden lassen? Womöglich nicht, was sich auch daran ablesen lässt, dass sie kein Leben führt, das man erfolgreich nennen könnte, das dem entspricht, was gemeinhin als geregeltes Leben betrachtet wird. Und dass sie nicht so wirkt, als sei sie mit diesem Leben glücklich.

„The Girls“ ist ein absolut überzeugender Roman, der verstört und erschüttert, vor allem aber durch seine psychologische Feinarbeit besticht. Evies Beobachtungen treffen stets ins Schwarze, egal, ob es um sie selbst als Teenager, um die anderen um sie herum in der Sekte, ob es um ihre Eltern geht, die sie plötzlich – auch damals schon – mit den Augen einer Erwachsenen sah. Die, wie sie feststellt, auch nur Menschen mit Bedürfnissen und Sehnsüchten sind. Auch mit sich selbst geht sie teils scharf ins Gericht, sieht ihre Schwäche und ihr teils schäbiges Verhalten, ihre Überheblichkeit, ihre Schuld. Emma Clines Figuren sind differenziert ausgearbeitet, ihre Sprache treffend und stilsicher. Ein fesselnder, aufrüttelnder Roman, in dem es einige Parallelen zur Manson-Familie gibt, den man aber völlig losgelöst davon lesen kann. Ich freue mich auf mehr von dieser jungen Autorin.

Emma Cline: The Girls, Hanser Verlag 2016, 2016, 352 Seiten, 22 Euro

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