Kriegsreporter – Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

DaldossiJournalisten und Fotografen, die von Kriegsschauplätzen berichten oder berichtet haben, schaffen es kaum, ein normales Leben zu führen: Viele verlieren ihre Partner, sie trinken, haben Schlafstörungen oder ziehen sich von Familie und Freunden zurück. Sabine Gruber selbst hat für ihren neuen Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“, der gerade im C.H. Beck Verlag erschienen ist, einige Biographien von Journalisten, die in Kriegsgebieten gearbeitet haben, recherchiert und kam zu diesem ernüchternden Ergebnis. Nach der Lektüre des Romans hat man als Leser kaum Zweifel, dass sie recht hat.

Bruno Daldossi ist inzwischen Anfang 60 und arbeitet nur noch sporadisch, eine lange Karriere als Kriegsfotograf liegt hinter ihm. Als seine langjährige Lebensgefährtin Marlis ihn für einen anderen Mann verlässt, ist Daldossi schwer getroffen. Marlis war die, zu der er immer zurückkam, mit der er eine Weile eine „normale“ Beziehung leben konnte oder es zumindest versucht hat. Denn für Marlis war das Leben als Daldossis Freundin alles andere als einfach: Es bestand zu großen Teilen daraus, auf ihn zu warten und Angst um ihn zu haben. Feiertage allein zu verbringen. Rücksicht zu nehmen. Marlis will das nicht mehr. Daldossi wiederum schaffte es nicht, Marlis den vielleicht oftmals unbewussten und selten ausgesprochenen Vorwurf zu ersparen, dass sie nicht wusste, was genau er bei seiner Arbeit gesehen hat, – sehen musste, Gewalt und Brutalität, von der Marlis keine Ahnung hatte. Immer schwingt da eine gewisse Überheblichkeit mit. Marlis wusste in Daldossis Augen gar nicht, wie gut sie es hatte, da sie seine Erfahrungen nicht teilte. Als Leser begreift man, dass beide Standpunkte nachvollziehbar sind, dass beide gar nicht gar nicht anders empfinden können.

Bruno versucht also, Marlis zurück zu gewinnen und trifft dabei auf die Journalistin Johanna, die die Ex-Frau eines Kollegen Daldossis ist, auch sie hatte also eine Beziehung mit einem Kriegsjournalisten. Johanna fühlt sich zu Daldossi hingezogen. Als sie nach Lampedusa reist, um ihrerseits von dort zu berichten, reist er ihr nach.

Sabine Gruber hat sich nach ihrem letzten sehr lesenswerten Roman „Stillbach oder die Sehnsucht“ einem schweren und sehr aktuellen Thema zugewandt. Immer wieder lässt sie ihren Titelhelden in die Vergangenheit abschweifen, Kriegsszenen entstehen vor seinen Augen und somit vor denen des Lesers, diese stets sehr atmosphärisch und eindringlich. Das führt aber auch dazu, dass Daldossis Leben in der Gegenwart etwas in den Hintergrund gerät, dass die eigentliche Handlung um ihn, Marlis und Johanna, immer wieder stockt und sehr oft unterbrochen wird. Gruber vermittelt sehr eindringlich, wieso Daldossi so ist, wie er nun mal ist. Das ist glaubhaft und kann nicht kaltlassen, nimmt der Geschichte aber auf der anderen Seite den Fluss. Auch wird deutlich, wie sehr Daldossi Marlis braucht oder zu brauchen glaubt und wieso er sie unbedingt zurückhaben möchte, obwohl sie ihn wegen eines Anderen verlassen hat. Bruno ist sich sicher, dass er ohne Marlis nicht leben kann. Johanna wiederum zeigt uns die andere Seite, die Perspektive der Frau, die mit einem Kriegsreporter zusammen war – und die diese Erfahrung nicht davon abhält, sich einem Kollegen ihres Ex-Mannes anzunähern. Ganz nachvollziehbar begründet wird dies nicht, am Ende ist es wohl einfach so, dass man nicht entscheiden kann, zu wem man sich hingezogen fühlt.

Unterbrochen wird der Text immer wieder durch Beschreibungen von Kriegsfotografien, echte und frei erfundene. Menschen mit Verstümmelungen, Kinder, die zwischen Leichnamen spielen, verschiedene Gefahrensituationen. Die Autorin begründet diese Bildbeschreibungen damit, dass sie Einblicke in Daldossis Arbeit geben wollte – aber auch, dass sie zu einer verlangsamten Bildbetrachtung zwingen wollte. Leider kann eine Bildbeschreibung nie das Bild ersetzen. Womöglich wäre es doch besser gewesen, die realen Fotos selbst abzudrucken. Damit schiebt man der Imagination des Lesers zwar den Riegel vor, das Foto bekommt aber die Funktion, die ihm von vornherein zugedacht war.

Dass „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ über weite Strecken eine düstere, hoffnungslose Stimmung ausstrahlt, dürfte nicht überraschen, macht das Buch aber zu einer schwierigen Lektüre. Der Handlungsbogen ist nicht immer zu erkennen, der Roman gerät durch die vielen Einschübe sehr episodenhaft, das macht die Lektüre nicht leichter. Auf der anderen Seite erfährt man wirklich viel über das Leben eines Kriegsreporters, über die inneren Mechanismen, die man sich aneignet, um diese Arbeit machen zu können, über das Dilemma, dass man, wenn man den Krieg in Bildern festhält, nicht gleichzeitig helfen kann, obwohl man den Drang dazu hat. Darüber, dass all diese Bilder irgendwo im Kopf bleiben und jederzeit ins Bewusstsein kommen können.

So bleibt am Ende die Frage, ob die Entscheidung, aus dem Stoff und dem sicher sehr wichtigen und auch interessanten Thema einen Roman zu machen, die richtige war. Ob eine nichtfiktionale Annährung dem Thema gerechter geworden wäre? Gruber schreibt stilistisch einwandfrei, ihre Figuren sind glaubhaft und die Geschichte um Daldossi und seine Probleme sicher realistisch. Lediglich das Gleichgewicht zwischen den beiden Ebenen im Roman leidet. Trotzdem ein durch und durch eindringlicher Einblick in das Leben derer, die uns in unserem sicheren, behüteten Leben die Nachrichten aus all den Teilen der Welt überbringen, in denen das Leben nicht so sicher und behütet ist.

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, C. H. Beck Verlag, 2016, 315 Seiten, 21,95 Euro

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11 Antworten zu Kriegsreporter – Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

  1. Bri schreibt:

    Interessantes Thema – wird im übrigen bei Mitchells Knochenuhren auch angesprochen, da einer der Protagonisten Kriegsberichterstatter ist. Ich denke, die Einschübe, die die Lektüre hier sicher erschweren sind vielleicht sogar als Stilmittel ganz passend, um die Lebenssituation eines Kriegsberichterstatters widerzuspielgen …

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    • letteratura schreibt:

      Dass das Buch keine leichte Lektüre sein würde, war klar, das habe ich auch nicht erwartet. Die Einschübe sind halt sehr unvermittelt und aus dem Zusammenhang gerissen, dadurch zerfasert das Buch irgendwie… Daher bin ich mir nicht sicher, dass die Art der Umsetzung hier optimal war… Der Roman lässt mich etwas zwiespältig zurück. Zumal ich die Autorin und ihren Stil sehr mag.

      • Bri schreibt:

        Ja, das ist sicher schwierig zu lesen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das eben die Art ist, wie Kriegsberichterstatter und Menschen, die sich in Krisengebieten häufig aufhalten (müssen) irgendwann funktionieren. Aber ob das genauso gewollt ist, weiß natürlich nur die Autorin 😉

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      • letteratura schreibt:

        Sie wird sich schon was dabei gedacht haben 😉 ändert aber nichts daran, dass ich es einfach nicht als 100%ig geglückt empfunden habe. Ich habe auch nichts gegen „schwierig zu lesen“, ein Buch darf mich gern fordern. 🙂

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      • Bri schreibt:

        Sehe ich auch so, also dass ein Buch gerne fordern kann, denn sonst wirds ja langweilig auf Dauer 😉

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  2. marinabuettner schreibt:

    Ich habe nach 100 Seiten abgebrochen. Für mein Empfinden bleibt die Romanhandlung nur an der Oberfläche. Muss man wirklich dauernd die Sexgeschichtchen des alternden Daldossi lesen, muss wirklich zur Ebene der Erfahrung des Kriegsfotografen auch noch die Flüchtlings-Lampedusa-Thematik mit hineingedrückt werden? Mir war dieser Roman einfach zu schwammig und nichtssagend. Dabei hat mich das Buch sehr gelockt. Man hätte mehr aus der Story herausholen können, denn Gruber kann ja schreiben …
    Viele Grüße, Marina

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