Familiengeschichten – Jami Attenberg: Die Middlesteins

g-Attenberg-Jami-Die-MiddlesteinsEdie Middlestein ist dick, sehr dick. Immer schon war sie kräftig und mit der Zeit wurde es immer mehr, bis sie schließlich um die 150 Kilo wiegt. Edie ist seit über 30 Jahren mit Richard verheiratet, sie haben zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder, deren Bar Mizwa bevorsteht. Zuvor aber bricht Richard aus diesem Leben aus und verlässt Edie, deren übermäßigen Konsum an Essen er nicht mehr erträgt. Ihr Gewicht hat inzwischen zu einigen Krankheiten geführt und ist lebensbedrohlich. Doch Edie denkt offenbar nicht daran, sich darum zu bemühen, ihr Verhalten zu ändern. Richard kann das nicht mehr mit ansehen.

Richard schlägt daraufhin viel Unverständnis entgegen. Seine kranke Frau zu verlassen, statt ihr in ihrer schweren Zeit beizustehen – sie muss sich mehreren Operationen unterziehen – das wird als schäbig und egoistisch empfunden. Vor allem Schwiegertochter Rachelle nimmt Richard sein Verhalten sehr übel und meidet den Kontakt mit ihm, während sie eine Art Obsession gegenüber Edie und ihrem Essverhalten entwickelt, sie verfolgt und beobachtet, was sie zu sich nimmt. Allerdings ist es nicht Edie, die ihre Ernährung umstellt, sondern vor allem besteht Rachelle darauf, dass ihre eigene Familie sich von nun an möglichst fett- und kalorienarm ernährt. Auf Begeisterung stößt Rachelle dabei nicht.

Jami Attenberg gelingt es in ihrem Roman „Die Middlesteins“ sehr gut, ihre Figuren zu charakterisieren, bzw. sie sich gegenseitig charakterisieren zu lassen. Die einzelnen Kapitel beleuchten jeweils den Blickwinkel einer der Figuren, vor allem auch ihr Innenleben und damit ihre Sicht auf die anderen. Benny, Sohn von Edie und Richard und Rachelles Ehemann, versucht, zwischen den Eltern und seiner Frau zu vermitteln, es allen recht zu machen. Rachelle hat eine sehr starke Persönlichkeit und auch Robin, Bennys Schwester, wird so charakterisiert. Sie lässt sich so wenig wie Rachelle etwas vorschreiben, wirkt immer etwas missmutig und hat sich gerade verliebt, nachdem sie lange allein war. Was sie übereinander denken, wie sie fühlen und sich eigentlich gar nicht so nahe stehen, aber sich trotzdem wichtig sind, all dies vermittelt Attenberg schlüssig und lebendig. Auch wirft sie immer wieder Blicke in die Zukunft, nimmt voraus, was passieren wird, außerhalb der Geschichte, die wir lesen, ein gelungener Kniff, der die Geschichte abrundet, ebenso wie der Wechsel der Perspektiven.

Die Frage, warum Edie so viel isst, wird allerdings nicht beantwortet, nicht einmal wirklich gestellt, allenfalls angedeutet. Essen war stets Kompensation, war dazu da, eine Leere auszufüllen, Edie musste immer essen, schien nie satt zu werden – aber wirklich in die Tiefe geht die Autorin hier nicht, was bedauerlich ist. Im Mittelpunkt steht eher die Wirkung, die ihr Essverhalten hat, aber nicht eine genauere Betrachtung der Gründe, darum, wie es ihr wirklich damit geht, tief drinnen. So wirkt Edie ein bisschen wie die unbelehrbare Dicke, die einfach keine Lust hat, sich um sich und ihre Gesundheit zu sorgen. Schade.

„Die Middlesteins“ ist dennoch ein gut geschriebener Familienroman, auch wenn er ein bisschen zu sehr an der Oberfläche bleibt. Eine Geschichte darüber, wie sich Dinge auch nach langer Zeit noch ändern können und wie die Protagonisten mit diesen Veränderungen umgehen. Ein lesenswertes Buch.

Eine weitere Rezension gibt es bei schiefgelesen.net.

Im August erscheint bei btb die Taschenbuchausgabe. Attenbergs neuer Roman „Saint Mazie“ ist ebenfalls für August bei Schöffling angekündigt.

Jami Attenberg: Die Middlesteins, Schöffling & Co, 2015, 264 Seiten, 21,95. 

 

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