Schwarz sein in den USA – Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt

Coates_25107_MR.inddIn der letzten Woche wurde ein Video veröffentlicht, in dem Prominente, meist mit afroamerikanischen Wurzeln, Gründe aufzählen, die ausreichen, um als Schwarzer in den USA getötet zu werden.  Ta-Nehisi Coates Buch „Zwischen mir und der Welt“ ist gerade in diesen Tagen hochaktuell, nachdem die Gewalt in den USA wieder eskaliert ist – oder durch die jüngsten Ereignisse auch einfach nur wieder einmal höher im allgemeinen Bewusstsein angekommen ist.

Dass die Gründe, die Rihanna, Beyoncé, Bono, Alicia Keys und andere in dem Video nennen, tatsächlich ausreichen können, um als Schwarzer erschossen zu werden, davon berichtet auch Coates in seinem Buch, und er weiß von Beispielen, die dies belegen. Es ist vor allem ein Fall, der ihn in seinem Leben besonders geprägt hat, da er den Betroffenen kannte. „Zwischen mir und der Welt“ ist ein Buch gerichtet an seinen 15-jährigen Sohn, in dem der Autor auch aus seiner eigenen Kindheit und Jugend erzählt, davon, was es für ihn hieß, als Schwarzer aufzuwachsen und was es für seinen Sohn heute heißt und heißen könnte.

Coates erzählt davon, wie er begriff, was es bedeutete, als Schwarzer auf die Welt gekommen zu sein, davon, nicht „relevant“ gewesen zu sein, sondern minderwertig, denn die Geschichte der Schwarzen sei minderwertig gewesen. Dass er bei allem, was er tat, aufpassen musste, nicht aufzufallen, denn Auffallen konnte gefährlich werden. Immer. Und schwarze Frauen? Ihnen wurde schon als Kind beigebracht, dass sie klug sein müssten, denn Schönheit reiche nicht aus. So habe Coates’ Frau immer wieder hören müssen, sie sei wirklich hübsch – für eine Dunkelhäutige.

Im zweiten Teil des Buches dann widmet sich Coates der Geschichte des Rassismus gegen Schwarze in den USA: Noch lange nach dem Ende der Sklaverei wurden Schwarze benachteiligt, hatten weniger Rechte und noch heute ist es so, dass sie weniger verdienen und weniger besitzen als Weiße. Immobilien in einem Viertel, in dem viele Schwarze wohnen, sind weniger wert als in „weißen“ Vierteln. Für Schwarze ist es mit enormer Anstrengung verbunden, sich aus dem Ghetto herauszuarbeiten, schreibt Coates, und nicht selten würden die Kinder und Enkel wieder dorthin zurück“taumeln“.

Schließlich tritt Coates dafür ein, endlich eine offene Diskussion über Reparationszahlungen zu führen – aber selbst eine Diskussion, deren Ende absolut offen wäre, wird in den USA verhindert. Coates wirbt leidenschaftlich dafür, die amerikanische Geschichte aufzuarbeiten, Fehler zuzugeben und ernsthaft über Reparationen nachzudenken. Für Coates ist dies die einzige Chance, überhaupt zu einer Veränderung der Lage zu kommen.

Insgesamt hat Coates aber wenig Hoffung auf Besserung. Gerade im ersten Teil, in dem Coates sich zur eigenen Biographie äußert, wird deutlich, die Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß ist für Coates etwas, mit dem man sich abfinden muss, die Kluft sei unüberbrückbar. Als Leserin, die auf der anderen Seite steht, als Weiße, lesen sich grade diese Abschnitte schockierend und frustrierend. Man muss ihm glauben, was man nicht selbst erlebt hat, nie erleben wird. Und man versteht, dass man privilegiert ist. Auch, wenn Coates’ Schilderungen manchmal etwas Verbittertes an sich haben, so spürt man, dass man hier nicht in der Position ist, zu urteilen. Wie sollte man auch? Verbitterung scheint außerdem angebracht – man selbst würde an seiner Stelle sehr wahrscheinlich genauso empfinden. Coates schreibt subjektiv, das aber so nachdrücklich, dass man sich sicher ist, er schreibt nicht nur von und über sich, sondern über alle Schwarze, die heute in den USA leben.

„Zwischen mir und der Welt“ ist in den USA ein Bestseller. Ein Buch, das zu jeder Diskussion über Rassismus seinen Teil beitragen kann. Coates regt zum Nachdenken an, fordert dazu auf, sich in seine Perspektive zu denken. Ein Buch, aus dem man viel lernen kann über die Geschichte Amerikas im Bezug auf den dort herrschenden Rassismus. Hoffen wir, dass die Lage doch nicht so aussichtslos ist, wie Coates sie darstellt.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt, Hanser Verlag, 2016, 240 Seiten, 19,90 Euro

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6 Antworten zu Schwarz sein in den USA – Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt

  1. Bri schreibt:

    Danke für den Tipp – in Amerika ist der Rassismus, wie leider auch in vielen anderen Teilen der Welt, immer noch sehr lebendig. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall ansehen!!

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  2. thursdaynext schreibt:

    Ich habe bereits davon gehört, jetzt kommt es auf den KopfSuB. Danke.

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  3. juneautumn schreibt:

    Das Buch ist in letzter Zeit so oft erwähnt worden, jetzt kommt es endgültig auf die Kaufliste. Danke für den tollen Artikel!

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  4. Pingback: Der Traum von der Freiheit – Colson Whitehead: Unterground Railroad | letteratura

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