Pulsierende Stadt – Bilal Tanweer: Die Welt hört nicht auf

Tanweer_25060_MR.indd„Wie es heißt, hat jeder Bürger irgendwann einmal ein Verbrechen erlebt: Die Leute werden auf offener Straße ausgeraubt und verprügelt, in ihren Büros und Wohnungen, in Bussen und Autos, in Restaurants und Cafés.“

Tatsächlich sind die Bürger Karatschis an Diebstähle und an Gewalt gewöhnt, sie nehmen sie wahr, aber sie halten kaum inne, sie nehmen sie zur Kenntnis. Auch größere Ereignisse, wie die Explosion einer Bombe, sind nichts allzu Außergewöhnliches, diese wird aber schon eher als einschneidendes Ereignis empfunden. So passiert es in Bilal Tanweers Roman „Die Welt hört nicht auf“, erschienen im März 2016 beim Hanser Verlag. Diese Explosion fungiert als eine Art Knotenpunkt, um den herum Tanweer seinen Roman aufbaut.

Karatschi, so heißt es in der Buchbeschreibung, ist eine der größten und doch am wenigsten bekannten Metropolen der Welt. Obwohl es mich literarisch bereits mehrfach nach Pakistan gezogen hat, etwa durch die Romane Mohsin Hamids und Kamila Shamsies (wobei diese oft nur teilweise oder gar nicht dort spielen bzw. andere Schwerpunkte setzen), wird das Land literarisch eher wenig beachtet. Tanweer zeichnet in seinem Roman ein differenziertes Bild von Karatschi und seinen Bewohnern. „Die Welt hört nicht auf“ besteht aus mehreren Episoden mit verschiedenen Protagonisten, die auf den ersten Blick oft nichts miteinander zu tun haben. Erst später werden die Beziehungen zwischen ihnen und somit auch den Ereignissen klar: Erzählt hier ein Junge davon, dass er vorübergehend mit seiner Schwester bei seiner Großmutter unterkommt und dass die Schwester nachmittags immer verschwindet, ist es dort ein junger Mann, der seine Geschichte erzählt und der, wie sich herausstellt, heimlich ein junges Mädchen trifft.

Nicht immer ist sofort klar, wer da gerade erzählt und wo bzw. ob überhaupt eine Verbindung zu einer anderen Episode, einer anderen Figur besteht. Auch möglich, dass sie einem beim ersten Lesen entgeht – tatsächlich ist der kurze Roman einer, den man sofort noch einmal lesen könnte, um weitere Querverbindungen ziehen zu können und der womöglich Neues zutage fördert. Die einzelnen Abschnitte aber sind so fesselnd erzählt, dass man stets in die jeweilige Geschichte hineingezogen wird und auch schon mal vergisst, über die Verbindungen nachzudenken. Tanweers Sprache ist oft knapp, sehr direkt, auch mal hart und voller Kraftausdrücke, die Sprache der Straße, so scheint es. Seine Protagonisten sind oft junge Männer, die sich einen bestimmten Stand, einen Ruf erarbeitet haben, die hart sein wollen, es aber, dies wird mal mehr, mal weniger deutlich, nicht sind.

Thema des Romans ist außerdem immer wieder das Spannungsfeld zwischen Religion und Säkularität. Eine Hauptfigur ist Genosse Sukhansaz, der sich dem Kommunismus verschrieben hat und darüber seine Familie verlor. Kommunisten, das seien Leute, die nicht beten, so lesen wir da lapidar. Ein Journalist, der lieber Schriftsteller wäre, fungiert als einer, der die Fäden in der Hand hält.

Auf ca. 190 Seiten lässt sich keine Geschichte von epischem Ausmaß erzählen, aber Tanweer gelingt es im Kleinen, die Stadt Karatschi aufleben zu lassen, Schlaglichter zu werfen, die dem Leser diese Stadt und das Leben in ihr vor Augen führen. All dies liest sich ungeheuer fesselnd, lebendig und unterhaltsam. Eine Geschichte über die Alltäglichkeit zwischen Familie, Freundschaft und Liebe, über Religion und die Frage, wie sehr sie Teil des Lebens im Land ist, wie sehr sie den Einzelnen bestimmt. Ein Abbild einer Stadt und eines Landes, das (wie viele andere) nicht zur Ruhe kommt. Ein schmaler Roman, der hoffentlich viele Leser findet.

Bilal Tanweer: Die Welt hört nicht auf, Hanser Verlag, 2016, 192 Seiten, 19,90 Euro

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