Mikwenbau – Eshkol Nevo: Die einsamen Liebenden

Die einsamen Liebenden NevoMoshe und Ayelet waren einst ein Paar, beide noch jung und voller Leidenschaft, doch die Beziehung ging nicht gut. Sie trennten sich und verloren sich aus den Augen, suchten nach ihrem jeweiligen, ganz eigenen Weg, vergaßen einander aber nie. Moshe ist inzwischen Berater des Bürgermeisters geworden und wird beauftragt, den Bau einer Mikwe zu organisieren. Diese Mikwe, ein Tauchbad, das nach strengen Regeln errichtet werden muss, dient frommen Juden dazu, sich zu bestimmten Zeiten rituell zu reinigen. Gestiftet wird es von dem amerikanischen Juden Mandelsturm, der es der Stadt zu Ehren seiner verstorbenen Frau schenkt – und sich später selbst ein Bild davon machen möchte, was die Beteiligten vor Schwierigkeiten stellen wird.

Eine Gruppe älterer russischer Einwanderer ist in die Stadt, bzw. an deren Rand gezogen, vom Judentum wissen sie nichts, aber sie möchten hier leben, einen neuen Anfang wagen. Zu ihnen gehören Katja und ihr Mann Anton, die spät zueinander gefunden haben, sowie Katjas Enkel Daniel, der nicht bei ihnen wohnt, sie aber oft besucht und zu beiden ein inniges Verhältnis hat. Außerdem gibt es noch den arabischen Bauunternehmer Naim, der nur Noam genannt wird, seitdem ein jüdischer Arbeitgeber ihn so nannte und der die Vorzüge des neuen Namen zu schätzen weiß, da dieser ihm die Jobsuche erleichtert. Naim ist Vogelliebhaber, sollte sich eigentlich um den reibungslosen Ablauf des Mikwebaus kümmern, aber auch hier kommt etwas dazwischen.

In Eshkol Nevos Roman „Die einsamen Liebenden“ muss man sich auf den ersten Seiten ein wenig zurechtfinden, um das letztendlich eigentlich doch übersichtliche Figurenpersonal einordnen zu können. Ein bisschen Chaos wird in dieser Geschichte immer dabei sein. Alle Protagonisten haben Pläne, aber auch Sehnsüchte und Wünsche, die nicht mit denen der anderen vereinbar sind: Die Russen, die kein hebräisch verstehen und sich mit dem Judentum nicht auskennen, verstehen nicht, was eine Mikwe ist und haben mehr Interesse an einem Schachclub. Moshe ist verheiratet, hat zum Glauben gefunden und liebt seine Kinder über alles, aber Ayelet geht ihm nicht aus dem Kopf. Naim wollte eigentlich nur Vögel beobachten, sah dabei aber noch etwas anderes. Eshkol Nevo zeichnet all seine Figuren gekonnt mit wenigen Strichen, zeigt ihre Macken, vor allem aber ihre Sehnsüchte, die sie, so unterschiedlich sie auch sein mögen, miteinander vereinen: Wie in Nevos Roman „Neuland“ ist es die Sehnsucht nach einem Ort, einer Heimat oder einem zu Hause, das sie nicht nur in Israel, sondern vor allem bei anderen Menschen zu finden hoffen. Allerdings ist der neue Roman deutlich weniger ernst als „Neuland“. Teilweise liest er sich wie eine Satire, um sich dann wieder voller Empathie seinen Figuren und ihren Nöten zu widmen. Die Balance zwischen humorvollem Chaos und Ernsthaftigkeit gelingt Nevo dabei sehr gut, ebenso, wie er stets die verschiedenen Handlungsfäden in der Hand behält und immer das große Ganze im Auge hat, seine Geschichte ist gut komponiert. An einigen Stellen vielleicht ein bisschen zu chaotisch und übertrieben, wobei das von den Lesepräferenzen des Einzelnen abhängt.

„Die einsamen Liebenden“ ist ein frisch geschriebener, oft leichter und humorvoller Roman, der aber auch die leisen Töne nicht außer Acht lässt und eine nicht undramatische Liebesgeschichte erzählt. Eine Geschichte um Menschen und ihre Sehnsüchte. Dahinter kann man auch das Bild des heutigen Israel erkennen, das uns so zerrissen präsentiert wird, wie die, die dort leben. Nevo versteht es hier wieder, intelligent zu unterhalten.

Eshkol Nevo: Die einsamen Liebenden, dtv premium, 2016, 304 Seiten, 16,90 Euro

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3 Antworten zu Mikwenbau – Eshkol Nevo: Die einsamen Liebenden

  1. thursdaynext schreibt:

    Und schon wieder Lektüre gefunden die mich interessiert. Es nimmt überhand😌

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    • letteratura schreibt:

      Was soll ich sagen… Tut mir leid?

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      • thursdaynext schreibt:

        Heuchelei ist wohl genauso wenig hilfreich wie jammern über die Fülle😊
        Du könntest miese Bücher lesen und ebensolche Besprechungen schreiben, aber das ist wohl etwas viel verlangt, unfreundlich und vermessen und nicht drin. Behalten wir einfach den Status Quo und ich übe mich in Selbstdisziplin😎

        Gefällt 1 Person

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