Auf Leben und Tod – Ian McEwan: Kindeswohl

kindeswohlAls Familienrichterin muss Fiona Maye oft schwierige Entscheidungen treffen. Es geht um Scheidungen, Unterhalt, um Sorgerechtsfragen, darum, ob Eltern in der Lage sind, für ihr Kind zu sorgen oder nicht. Manchmal muss sie allerdings auch Entscheidungen über Leben und Tod treffen und solch ein Fall ist es, der in Ian McEwans letztem in Deutschland erschienenen Roman „Kindeswohl“ im Mittelpunkt steht: Adam Henry, fast 18-jähriger Sohn einer Familie, die den Zeugen Jehovas angehört, ist an Leukämie erkrankt und benötigt dringend Bluttransfusionen, um eine Überlebenschance zu haben. Der Glaube seiner Eltern – und somit auch sein eigener Glaube – verbietet dies, was einem sicheren Todesurteil gleichkommt. Adam selbst lehnt die Transfusionen strikt ab. Da er noch drei Monate bis zu seinem 18. Geburtstag hat, geht der Fall vor Gericht. Fiona muss in einem Eilverfahren entscheiden, ob Adam sich vollends bewusst ist, dass er einen vermutlich qualvollen Tod sterben wird und vor allem, ob sie sich seinen Wünschen und denen seiner Eltern widersetzen darf, kann oder vielleicht sogar muss. Darf sie entscheiden, dass ihm gegen seinen Willen Bluttransfusionen gegeben werden? Und wäre das überhaupt richtig?

Eigentlich ist dies also wohl eine Entscheidung, die man mit klarem Kopf und voller Konzentration fällen sollte – was Fiona allerdings dadurch massiv erschwert wird, dass Jack, ihr Ehemann seit vielen Jahren, von ihr die Einwilligung zu einer außerehelichen Affäre einfordert. Er liebe sie, er wolle sich nicht trennen, aber er wolle noch einmal – beide sind um die 60 – echte Leidenschaft erleben. Fiona ist erzürnt und schwer getroffen und muss sich doch mit ihrer ganzen Energie der Frage nach Adams Behandlung widmen.

Ian McEwan ist für mich einer der größten und besten, einer meiner liebsten Autoren, weil er es immer wieder schafft, auf hohem Niveau zu unterhalten. Seine Romane lesen sich stets leicht und sind trotzdem komplex. Nachdem mich „Solar“ und „Honig“ zuletzt ein wenig enttäuscht hatten, reicht er mit „Kindeswohl“ wieder an seine besten Romane, allen voran „Saturday“, heran. „Kindeswohl“ ist einer seiner schmaleren Romane, dennoch sind seine Charaktere auch hier wieder differenziert ausgearbeitet und sehr menschlich, sodass man als Leser schnell Zugang zur Geschichte findet. Natürlich sind es aber vor allem die moralischen Fragen, die Fragen, mit denen sich Fiona beschäftigen muss, vor allem der Fall des jungen Adam, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen. Man kann als Leser gar nicht anders, als ständig zu überlegen, abzuwägen, sich eine eigene Meinung darüber bilden zu wollen, wie man denn nun entscheiden soll und liest atemlos der Entscheidung Fionas entgegen. Wie McEwan es außerdem schafft, ihre private Geschichte und die Krise mit ihrem Mann mit dem beruflichen Fall der Richterin zu verweben, das ist einfach – wieder einmal – sehr gut gemacht.

„Kindeswohl“ reißt seine Protagonistin aus ihrem alltäglichen Leben heraus und das in doppelter Hinsicht: Auf der einen Seite ist da ihr Fall, der womöglich doch mehr bedeutet als all die anderen Fälle, die Fiona in ihrer Richterlaufbahn schon bearbeitet hat, auf der anderen Seite wird ihr privates Leben plötzlich in Frage gestellt. McEwan gelingt es, aus einer zunächst für seine Protagonistin nicht ungewöhnlichen Ausgangssituation etwas zu schaffen, das sie und mit ihr die Leser vor die großen Fragen des Lebens stellt. Ein kleines, großes Buch.

„Kindeswohl“ wird Ende August bei Diogenes als Taschenbuch erscheinen, mit „Nussschale“ kommt dann im Herbst McEwans neuester Roman auf Deutsch heraus.

Ian McEwan: Kindeswohl, Diogenes 2015, 224 Seiten, 22 Euro

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10 Antworten zu Auf Leben und Tod – Ian McEwan: Kindeswohl

  1. Bri schreibt:

    Für mich war ja Honig der Einstieg und ich war begeistert – ich erinnere mich noch lebhaft an unsere Diskussionen 😉 Kindeswohl ist ganz besonders … es lässt einen nachdenklich zurück, ohne zu werten. Und das ist große Klasse – da gebe ich Dir unumwunden Recht.

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  2. marinabuettner schreibt:

    Schöne Besprechung! Ich mochte es auch sehr und freue mich wie immer sehr auf den neuen Roman!

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    • letteratura schreibt:

      Ich mich auch! Ich bin sehr gespannt, weil die Beschreibung auf den ersten Blick nicht so außergewöhnlich klingt, aber ich bin sicher, bei ihm wird es trotzdem etwas Besonderes. Ich hoffe es zumindest. 🙂

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  3. SätzeundSchätze schreibt:

    Ich sehe es ähnlich wie Du: Nach einigen schwächeren war Kindeswohl ein großer Wurf. Ein Buch, das lange nachklingt, weil es auch ganz existentielle Fragen anspricht … sehr komplex, sehr hintergründig.

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  4. Claudia schreibt:

    Auch mir hat „Kindeswohl“ sehr gut gefallen, vor allem die Gerichtsszenen zeigen so anschaulich und überzeugend, wie ein rechtliches Ringen um ein höchst emotionales Thema im besten Sinne sein kann. Sehr, sehr beeindruckend. Und ja, ich freue mich auch schon auf den neuen Roman.

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