„Literatur, die alles erklärt, macht Leser dumm.“ – Rabih Alameddine: Eine überflüssige Frau

eine-ueberfluessige-frau-rabih-alameddine„Ich habe das Alter erreicht, in dem das Leben zu einer Reihe von hingenommenen Niederlagen geworden ist – Alter und Niederlage: Zwei Blutsbrüder, treu bis ans Ende.“ S. 78

In einer Beiruter Wohnung, die eigentlich zu groß für sie ist, lebt seit vielen Jahren allein die 72-jährige Aaliya. In ihren 20ern war sie kurz verheiratet, wurde verlassen und seitdem hat sich die inzwischen ältere Dame immer selbst genügt. Ihrem Mann hat sie nie hinterhergetrauert, vielmehr ist er für sie immer ein Schwächling gewesen, den sie froh ist, los zu sein.

Aaliya kämpft inzwischen mit Alterserscheinungen, ihr Leben folgt im Großen wie im Kleinen selbst auferlegten Regeln. Eine davon bestimmt sie seit ca. 50 Jahren: An jedem 1. Januar beginnt Aaliya mit der Übersetzung eines Romans ins Arabische. Aaliya ist nicht nur eine fanatische Leserin – sie hat außerdem jahrelang in einer Buchhandlung gearbeitet – sondern auch eine leidenschaftliche Übersetzerin. Eine Übersetzerin nur für sich selbst allerdings, denn die fertigen Manuskripte bekommt nie jemand zu sehen, stattdessen werden sie in Kisten geräumt und im sogenannten Dienstmädchenzimmer und als dieses voll ist, im Dienstmädchenbad gelagert und nicht wieder angesehen.

„Jetzt könnten Sie mich fragen, warum ich so viel Mühe in meine Übersetzungen investiere, wenn ich kaum mehr an sie denke, sobald sie weggepackt sind. Nun, mein Engagement gilt der Erschaffung, nicht dem Ergebnis. Ich weiß, das klingt esoterisch, und so möchte ich nicht klingen, aber der Akt an sich, das Erschaffen ist es, was mich inspiriert.“ S. 168

Der in Jordanien geborene Autor Rabih Alameddine, dessen vierter Roman „Eine überflüssige Frau“ der erste ist, der in Deutschland erscheint, erzählt ganz aus der Perspektive Aaliyas das Leben einer Frau, die sich stets selbst genug war. Aaliya lebt ein eher einsames Leben. Die Nachbarinnen, die sich regelmäßig zum Kaffeeklatsch treffen, gehören dazu, ihre Stimmen sind aber eher der Hintergrund, vor dem sich Aaliyas Tage abspielen. Enge Freunde hat sie nicht, nicht mehr, seitdem ihre Vertraute Hannah nicht mehr lebt. Hannah, von der Aaliya uns erzählt, wie sie auch von ihrer kurzen Ehe, ihrer Familie, die immer wieder versucht hat, sie aus ihrer Wohnung zu verscheuchen, ihrer Arbeit in der Buchhandlung erzählt. Und natürlich von den Zeiten, in denen Krieg herrschte im Libanon, in dem man Angst um sein Leben oder wenigstens um sein Hab und Gut haben musste.

So ist es auch der Charme der Erzählerin, die den Roman ausmacht. Aaliya erzählt ehrlich und immer mit ein wenig Selbstironie, sie nimmt sich selbst nicht so wichtig, was beim Lesen ungeheuer erfrischend ist. Sie spricht den Leser immer wieder auch direkt an, so als sei man der einzige Adressat, an den sich der Roman überhaupt richtet, stellt Fragen, bezieht einen ein Stück weit mit ein. Sie spart nicht mit Verweisen auf die vielen Bücher, die sie gelesen hat, auf die Lehren, die sie liefern, auf Anekdoten aus den Leben der Schriftsteller. Manchmal ist es auch nur ein Romantitel, der ohne weitere Erläuterung fallengelassen wird. Vielleicht macht Aaliya das ja zur Angeberin, zur Zurschaustellerin ihres Wissens – welches Werk der Weltliteratur hat die alte Dame nicht gelesen? – andererseits glaubt man ihr gern, dass dies ihre Welt ist, eine Welt mehr bevölkert von Büchern als von Menschen. Als Erzählerin neigt sie auch immer wieder dazu, abzuschweifen – um dies dann auch meist gleich zu thematisieren – manchmal bewegt sie sich an der Grenze zur Geschwätzigkeit, die sie aber nicht überschreitet. Immer wieder blitzen kleine, kluge Gedanken auf.

„Die meisten unter uns denken, dass wir durch Entscheidungen, die wir getroffen haben, durch Ereignisse, die uns geprägt haben, durch Entscheidungen der Menschen um uns herum zu dem Menschen geworden sind, der wir sind. Wir ziehen selten in Erwägung, dass wir auch durch die Entscheidungen geprägt wurden, die wir nicht trafen, durch die Ereignisse, die hätten geschehen können, es aber nicht taten, oder, so gesehen, auch durch den Mangel an Alternativen.“ S. 39

Der Roman hat keinen großen Spannungsbogen, steuert nicht auf einen großen Konflikt zu, sondern folgt ganz der inneren Logik seiner Erzählerin. Es ist ein stilles Buch ohne Effektheischerei, das aber unterhält und bezaubert. „Eine überflüssige Frau“ hat ein eher ruhiges Tempo. Ein Buch über das Leben in einer Welt, die sich von unserer unterscheidet und ihr dann wieder sehr ähnlich ist, ein Roman über Literatur und, wenn sich dies auch nicht gleich offenbart, ein Plädoyer für die Freundschaft. Ein Roman, dem viele Leser zu wünschen sind.

Eine weitere Besprechung ist bei masuko13 zu finden.

Rabih Alameddine: Eine überflüssige Frau, Louisoder Verlag, 2016, 448 Seiten, 24,90 Euro

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5 Antworten zu „Literatur, die alles erklärt, macht Leser dumm.“ – Rabih Alameddine: Eine überflüssige Frau

  1. Bri schreibt:

    Meine Rede – nicht zu viel erklären 😉 Dann können die Leser mitdenken … scheint ein interessantes Buch zu sein … Danke.

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  2. Pingback: Blogbummel Juni 2016 – buchpost

  3. captainbooksweb schreibt:

    Tolle Rezension, ich finde die wirklich gut geschrieben. Leider hat sie mich jetzt auch neugierig auf das Buch gemacht 😉 Aber auch Allgemein finde ich deinen Blog sehr gut gelungen. Weiter so 🙂

    Schau doch mal bei mir vorbei, vielleicht ist da ja auch etwas für dich mit dabei.

    Liebe Grüße
    Der Captain

    https://captainbooksweb.wordpress.com/

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