Preisverleihung – Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres

Aubyn der beste Roman des JahresIn gut zwei Monaten ist es wieder so weit und die Longlist des Deutschen Buchpreises wird bekanntgegeben. Dann geht auch die Diskussion wieder los, ob die nominierten Bücher wirklich preiswürdig sind und man wird Namen nennen von Autoren, die es nicht auf die Liste geschafft haben, die aber unbedingt darauf gehört hätten. Vielleicht wird auch geschimpft und die Kompetenz der Jury in Frage gestellt werden.

In Edward St. Aubyns Roman „Der beste Roman des Jahres“ geht es weniger um die Diskussionen der Masse, als viel mehr um die Gespräche, die Klüngeleien, die Absprachen in der Jury, in der jeder eigene Interessen durchsetzen möchte. Schon der deutsche Titel des Romans scheint darauf hinweisen zu wollen, dass es den besten Roman nicht gibt, Literatur ist ja vor allem Geschmacksache. Und so hat auch jedes der Jurymitglieder des Elysia-Preises ganz eigene Präferenzen, ob es nun die „Relevanz“ ist, die einen Roman unbedingt auszeichnen müsse, ob es vielleicht eher darum geht, dass der Siegertitel enorm „gut geschrieben“ sei oder ob es vielleicht doch um etwas ganz anderes geht.

Dem Leser werden die einzelnen Jurymitglieder anfangs kurz vorgestellt und ihre Präferenzen in Bezug auf den Preis dargelegt. Da gibt es einen Abgeordneten, eine Kolumnistin, eine Oxbridge-Akademikerin, eine Angestellte aus dem Auswärtigen Amt, die selbst schriftstellerische Ambitionen hat und einen nicht sehr bekannten Schauspieler. Außerdem treten einige der Autoren selbst auf, nominiert oder dann-doch-nicht-nominiert, wie die Schriftstellerin Katherine, der die Männer scharenweise nur so verfallen und in deren Umkreis es einige amouröse Verwicklungen gibt und der gnadenlos sich selbstüberschätzende Inder Sonny, der sich gar nicht vorstellen kann, dass sein „Maulbeerelefant“ nicht gewinnen könnte.

Es ist vor allem dieser Inder, den St. Aubyn so gnadenlos überzeichnet, dass er eigentlich schon zur Karikatur verkommt, gerade diese Figur ist dadurch aber auch sehr komisch. Weitere lustige Momente verschafft zum Beispiel Penny, die Autorin aus dem Auswärtigen Amt, die sich die Romane der Shortlist lieber per Hörbuch zu Gemüte führt, statt sie zu lesen. Das Computerprogramm „Gold Ghost Plus“ hilft ihr bei ihrem eigenen Buch aus und liefert auf Knopfdruck Alternativen, wo sie sich gern gewandter ausdrücken möchte:

„Sie tippte das Wort ‚Atmosphäre’ ins Suchfeld […] ein und änderte es dann in ‚Stimmung’, was ihr raffinierter und beziehungsreicher erschien. Sofort tauchten Dutzende Alternativen auf dem Bildschirm auf. ‚Es herrschte eine Bombenstimmung… der stimmungsvolle Sonnenuntergang war überwältigend… es lag eine knisternde Stimmung in der Luft…’ Das war es. Sie markierte den letzten Satz und die Sache war geritzt.“ S. 159

„Der beste Roman des Jahres“ nimmt gekonnt den Literaturbetrieb auf die Schippe und überzeichnet dabei nach Lust und Laune, was mir aber erst auf den letzten Seiten etwas zu viel, zu chaotisch, zu wirr zu Ende gebracht wurde. Einige ernsthafte Momente hat der Roman auch zu bieten. Man fragt sich unweigerlich, wie viel von dem, was wir da lesen, denn nun wirklich so gnadenlos übertrieben ist. Ist die Geschichte wirklich so weit hergeholt? St. Aubyns Figuren sind keine psychologischen Feinarbeiten, sondern eher ein wenig grob geschnitzt, was aber seinem offensichtlichen Ziel, der Überzeichnung der Geschehnisse um die Preisverleihung, nur zupass kommt. „Der beste Roman des Jahres“ ist beste und vor allem komische Unterhaltung.

Die Seitenangabe bezieht sich auf die gebundene Ausgabe. Eine Taschenbuchausgabe ist im Februar 2016 erschienen. Auf dem Feinen Buchstoff wurde der Roman bereits wohlwollend von thursdaynext und Bri besprochen.

Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres, Piper Verlag, 2014, 252 Seiten, 16,99 Euro

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4 Antworten zu Preisverleihung – Edward St. Aubyn: Der beste Roman des Jahres

  1. thursdaynext schreibt:

    Permanentgrinsen, wie einst die Lektüre des besten Romans von allen, zaubert deine Rezi die Erinnerung wachruft wieder her. Schönes WE und feine Bücher😊

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  2. thursdaynext schreibt:

    P.s.: Bin überzeugt -Gretchen- von Einzlkind könnte dasselbe bei dir auslösen.

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