Angst vor dem Fremden – Nicholas Shakespeare: Broken Hill

Broken HillIm Jahr 1915 irgendwo in Australien. Die Menschen leben ihr Leben losgelöst vom Ersten Weltkrieg, der fernab ihrer Heimat herrscht. Es ist ein einfaches ländliches Leben. Hier soll die junge Rosalind, die ihren geliebten Bruder William bei einem Unglück in einem Bergwerk verloren hat, Williams besten Freund Oliver heiraten. So ist es vorgesehen. In letzter Zeit aber sieht sie neue Seiten an ihm: Oliver äußert sich gegenüber Rosalinds Vater abfällig über eine Gruppe von Einwanderern, die etwas abseits leben und die von den Einheimischen kritisch beäugt werden. Die Afghanen nähmen den Australiern die Jobs weg, sie seien Schmarotzer und außerdem seien auch die weißen Frauen nicht vor ihnen sicher. Rosalind ist irritiert. Sie scheint die Einzige zu sein, die wissen will, wo die Einwanderer herkommen, welche Geschichte sie mitbringen. Rosalind möchte wissen, was für Menschen da ganz in ihrer Nähe leben und doch so anders sind als sie. Sie lernt Gül kennen, der eigentlich als Kameltreiber nach Australien gekommen war. Nachdem es für ihn aber keine Arbeit mehr gab, kaufte er einen Eiswagen und verdiente damit Geld, immer mit dem Vorsatz, eines Tages in seine Heimat zurückzukehren. Rosalind ist fasziniert von dem jungen Mann.

Die Einwanderer werden durch die Einheimischen streng kontrolliert, man passt genau auf, dass sie sich an die Regeln halten und sollte dies nicht der Fall sein – der Grund spielt keine Rolle – werden Strafen verhängt. Schließlich hat die Ausgrenzung und die herablassende Behandlung der Fremden schwerwiegende Folgen.

Schon nach einigen Seiten wird dem Leser bewusst, dass Nicholas Shakespears neues Buch „Broken Hill“ – mit 130 Seiten ist es eher eine Erzählung als ein Roman – zwar eine Geschichte erzählt, die vor 100 Jahren spielt, dass seine Thematik aber sehr aktuell ist.

Shakespeare erzählt in einer nüchternen Sprache von den Menschen in Broken Hill, die sich durch die Fremden, durch das Fremde bedroht fühlen und deren Antwort auf die Verunsicherung, der sie sich ausgesetzt sehen, nicht etwa der Versuch ist, zu verstehen und ein friedliches Miteinander anzustreben, sondern die auf Ausgrenzung setzen. Sie übersehen dabei, dass bei denen, die sie nicht um sich haben wollen, ihre herabsetzende Behandlung Folgen hat. Gül etwa erlebt Wut und stets das Gefühl des Ausgegrenztwerdens, aber auch schlicht Einsamkeit zwischen Menschen, deren Lebensart und deren Kultur mit der seinen so wenig gemein zu haben scheint. Er und Molla Abdullah, ein Schlachter, der unter den willkürlichen Repressalien der Einheimischen sehr zu leiden hat, fühlen immer wieder Erniedrigung und Schande, die sie irgendwann nicht mehr ertragen möchten.

„Broken Hill“ zeichnet seine Charaktere mit wenigen Pinselstrichen. Der Leser erfährt nur das Wichtigste über sie und ihre Hintergründe. Der Autor zeigt einen Ausschnitt aus ihrem Leben, zeigt uns fast nüchtern eine Ausgangssituation, den Umgang mit ihr und ihre Folgen. Shakespeare ist dabei hauptsächlich jemand, der beobachtet. Trotzdem taucht man als Leser ein und fiebert mit, auch wenn keine Zeit für eine tiefergehende psychologische Betrachtung bleibt, die man selbst bewerkstelligen muss, was aber seinen Reiz hat. Jede Wertung wird dem Leser vorenthalten, seine Schlüsse muss dieser selbst ziehen. Gut so, und vielleicht ist dies auch der Grund für die starke Wirkung, die die Erzählung erzielt. „Broken Hill“ lässt sich als Studie lesen darüber, welche Probleme entstehen können, wenn verschiedene Kulturen, wenn Menschen verschiedener Religionen, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund aufeinander treffen und dem Neuen, Anderen mit Misstrauen und Feindseligkeit begegnen. Dabei ist es zunächst zweitrangig, um welche Nation, um welche Kultur es genau geht. „Broken Hill“ ist ein Lehrstück gerade für uns in der heutigen Zeit, gnadenlos hält Shakespeare uns den Spiegel vor. Die Lehre überlässt er uns, damit sie wirken kann.

Nicholas Shakespeare: Broken Hill, Hoffmann & Campe, 2016, 128 Seiten, 18 Euro

 

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